MAI 2009


Essener Horden überfallen "Pop-Produzenten"...

 

 

 

 

 

Beginnen muss ich diese Betrachtung lange in der Vergangenheit.

 

Wir schreiben das Jahr 1983 - wie bereits an anderer Stelle (Marillion Bericht) erwähnt, habe ich gerade mein "Erstes Mal" (Manfred Mann und dann eben Marillion) im Bezug auf Live Events hinter mir.

Ich weiß ja nicht, wie es Euch beim "Ersten Mal" erging, aber ich bin der Meinung es wird absolut überbewertet (an was denkt Ihr eigentlich gerade ...?).

 

Diese Magie, welche man empfindet, oder sagen wir empfinden sollte, ist gar nicht zur Gänze begreifbar, kann sie auch gar nicht sein, da man eben dabei noch gar keine Vergleichsmöglichkeiten besitzt. 

Wie also einordnen ...

 

EIN VERSUCH:

Nun gut, wir schreiben den 17.12. im Jahre 1983, und befinden uns, äähm, also ich befinde mich vor der Westfalenhalle Dortmund. Irgendwie muss ich wohl die richtigen älteren Freunde gehabt haben.

Auf dem Konzertplakat steht "ROCK POP IN CONCERT".

Auftreten sollen Iron Maiden, Judas Priest, Ozzy Osbourne, Def Leppard, Scorpions, Michael Schenker Group, Krokus und Quiet Riot.

 

Das ganze Spektakel wird auch noch vom ZDF aufgezeichnet - und ich mittendrin.

Ich weiß nicht genau, was mich erwarten wird, bin aber voller quirliger Vorfreude - immerhin spielen einige meiner damalige Lieblingsbands der härteren Schule und das Event geht satte 2 Tage !

 

Etwas schüchtern zwar, aber doch wild entschlossen, keinen Augenblick zu verpassen, betrete ich die Halle und bin erst einmal sprachlos. So viele Menschen, so eine große Bühne.

Laut ist es, die Menge steht wie ein Mann, in dieser unnachahmlichen Atmosphäre.

Die Luft vibriert, nein - sie pulsiert mit dem aufgeputschten Schlag unserer wilden Herzen - unendliches Adrenalin. Und als das Warten schier nicht mehr zu ertragen ist - sich irgendetwas tief in mir endlich Bahn brechen will ... ... verlischt das Licht ... und endlich begreife ich!

 

Ich verstehe das "Erste Mal" einzuordnen, ich fühle den Unterschied, ICH BIN DABEI ... dabei bei dem,

was WIRKLICH ist, REAL und ECHT.

 

Das Hingebungsvolle der Musik, die Leidenschaft, das Ausschwitzen unserer alltäglichen Existenz, das Besondere des Augenblicks, das Miteinander, das Bauch-Gefühl.

 

Nach diesen 2 Tagen war ich irgendwie ein anderer - die Musik hatte mich verändert, mich weitergebracht, mich evolutioniert ....

 

Sie war nicht länger aus Boxen geknallt, nein, sie war persönlich geworden, hatte um mich geworben, mit all ihrer Kraft und Macht. Sie kam nicht länger nur von der Bühne, nein, sie war um uns herum und vor allem tief in mir, man konnte sie nicht länger leugnen, geschweige denn ignorieren.

 

Dies alles ist ein Teil dessen, was mich zum Fan dieser Musik gemacht hat.

Diesem Gefühl jage ich seit dem in Wahnsinns gleicher Sammel-Leidenschaft hinterher - möchte es bewahren oder doch zumindest immer wieder erfahren. Es war eine heldenhafte Zeit, einer der Augenblicke, wieso wir "Älteren" immer wieder von dem Thema "Früher war alles besser ..."  anfangen.

(Was meiner Meinung nach einerseits zwar stimmt - und andererseits wieder überhaupt nicht - kryptisch, oder. Aber diese Diskussion führt hier wohl zu weit).

 

Leider habe ich dieses Gefühl über die Jahre immer stärker verloren.

Manchmal flackerte es wieder auf - unstet, wie eine Kerze im aufkommenden Wind.

Ein anderes Mal war es wieder stark - Leuchtfeuer in dunkler Nacht.

Doch leider allzu oft auch nahezu verloschen, wie das letzte Glimmen der Glut.

Doch immer war es noch da - wartend darauf, wieder neu entfacht zu werden.

 

Und jetzt im Jahre 2009 wurde eine erneute Feuersbrunst geboren ...

allesverschlingend, jeden Widerstand verachtend und zerstörend ...

 

DIE HORDEN DES CHAOS machten sich auf, mir eine neue, alte Welt zu zeigen.

 

 

 

 

KREATOR - Hordes Of Chaos 2009

 

Tracklist

 

  1. Hordes of Chaos 5:04

  2. War Curse 4:10

  3. Escalation 3:24

  4. Amok Run 4:12

  5. Destroy what destroys you 3:12

  6. Radical Resistance 3:43

  7. Absolute Misanthrophy 3:36

  8. To the Afterborn 4:53

  9. Corpse of Liberty 0:55

10. Demon Prince 5:16

 

Gesamt-Spielzeit 38,27

Wissenswertes

 

Einordnung

Thrash / Speed

 

Tendenzen

Nahezu LIVE Produktion ! 80er Jahre Schule kombiniert mit Neuem Ausdruck

 

Anspiel-Tipps

Hordes of chaos, War curse, Demon prince

 

Label 

Steamhammer / SPV

 

Besetzung

Mille Petrozza              Gitarre, Gesang

Sami Yli-Sirniö             Gitarre 

Christian Geisler          Bass 

Jürgen "Ventor" Reil    Schlagzeug

Eindruck

 

Bereits seit 1984 (damals als TORMENTOR) aktiv, hatte die Band bereits mit ihrem Debut „Endless Pain“ einen Klassiker des Genres geschaffen. Sie wurde zur Inspiration zahlloser Bands.

Nun 24 Jahre später – DAS NEUE AUSRUFEZEICHEN der Band, und NEUE INSPIRATION für die Szene?!

 

 

Nach zwei abgefeierten Granaten 2001 - VIOLENT REVOLUTION und 2005 - ENEMY OF GOD, für die die Band nur Lobeshymnen einsacken konnte, und das zu Recht, waren Kreator wohl einige der ganz wenigen Bands, die die FLAG OF HATE hochhielten, den Thrash Hammer auf uns niederschmetterten. 

 

Ihre Credibility innerhalb der Szene, und darüber hinaus, war nicht angreifbar, nicht diskutabel.

 

Doch der erste Schritt zur neuen CD war die Überlegung die letzten Scheiben zu übertrumpfen.

Mit der Klasse der Songs? Den Texten? Oder ....?

 

Und so reifte der Gedanke etwas NEUES zu versuchen, RISIKO zu gehen.

Etwas, das 99% der Bands nicht in ihre Überlegungen mit einbezogen hätten, zu sicher wäre man doch mit einem zweiten ENEMY OF GOD.

 

Nicht so Mille und seine Jungs - MOSES SCHNEIDER, Pop (verächtlich genannt) / Rock (eigentlich) Produzent, u.a. Tocotronic und Beatsteaks wurde kontaktiert.

Ein neues (eigentlich altes) Verfahren wird ausgepackt und verfeinert - die Band nimmt LIVE auf,

kein Zusammenschustern der besten Parts am PC. Keine ProTool Manie. 

Nur der Gesang wird später eingesungen. So müssen die Songs perfekt sitzen, immer und immer wieder unermüdlich geprobt werden. 

Und Moses bringt das Wort Gottes ..., ääähh bringt ein neues Mikrophon an den Start - das "SMOKEHEAD" - das größte Stereo-Mikrophon der Welt.

 

 

Bildquelle: visions.de

 

Ein Drei-Komponenten System, welches an strategischen Plätzen innerhalb des Aufnahmeraums angebracht wird und so das bestmögliche aus den LIVE gespielten Songs herausholt.

Das Ergebnis klingt erdig, warm - und hier bin ich wieder bei meiner Einleitung, die Musik ist wieder um mich herum und tief in mir drin!

 

Man fühlt sich innerhalb der Musik, sie umfliesst einen, umgibt einen mit ihrer Pracht, sie ist unglaublich präsent. Das Schlagzeug klingt nicht weiter steril, wie bei den vor Druck berstenden Neuzeit Produktionen, die Dynamik wird durch das natürliche Zusammenspiel erreicht und nicht durch aufgeblasene Sounds. Alles hat Raum und Luft zum Atmen - klingt natürlich.

Und so ertappe ich mich beim Anhören der CD immer wieder dabei penibel zuzuhören, fast auf kleine Fehler hoffend, so nahe ist man am Geschehen.

 

Das nötige Zusammenspiel für Produktionen dieser Art muss durch lange Übungs-Sessions erreicht werden, die Songs ins Kleinste ausgearbeitet sein - diese Musik ist so unseren Wurzeln viel näher, als Digitale Overkill Produktionen.

 

Die Band und ihre Fähigkeiten, der Musiker in all Seines selbst, seine Emotionen, die Songs und ihre musikalische Aussage - stehen unweigerlich im Vordergrund.

 

Und der Mix-Meister himself - Colin Richardson (u.a. Machine Head / Slipknot) - bringt dann den Finalen Mix mit ein.

 

Und so klingen die Drums mehr als natürlich, der Bass ist warm und präsent, die Gitarren sind sägende, entfesselnde Gewalten und Mille selbst singt einerseits warm und direkt, dann wieder shoutend, immer aber aggressiv - mitten ins Mark.

 

Doch zu den Songs selbst

Bei allem Lob an Mut und Produktion.

Die Songs sind es, die überzeugen müssen - 10 Granaten in ca. 38 Minuten sind es. 

Das Thrash Gerüst der Band, emotional-wütend vorgetragen, wird einmal mehr aufgebrochen von melodischen Momenten in der Gitarrenarbeit.

Das Tempo variiert zwischen schnellen Thrash Salven und schwer groovenden Midtempo Stücken, hier sei "Radical Resistance" als Beispiel genannt.

 

So beginnt bereits der Opener "Hordes Of Chaos" mit feinen Gitarren Leads - erst eine Gitarre, dann beide, um danach Schlagzeug und Bass zum Thrash Massaker zu bitten - BREAK - und dann die Abfahrt, immer wieder mit Gitarren-Feinheiten versehen, Mille shoutet darüber sein JEDER GEGEN JEDEN Thema - im Mittelteil kurzfristiges Midtempo, mächtige Riffs, melodisches Gitarrensolo und wieder die Eskalation, Rebellion. 

SO UND NICHT ANDERS MUSS MODERNER ALTER THRASH KLINGEN.

 

Der Song klingt mit Gitarren Frequenzen aus, um sofort in einen Banger "Warcurse" überzuleiten. Auch hier wieder auffallend, melodische Einsprenksel der Gitarren Fraktion, wie überhaupt das Songwriting geprägt ist von enormer Spielfreude, klugen Arrangements, Double-Lead Gitarren und weiteren kleinen Feinheiten, welche es zu entdecken gilt.

 

Alle Songs sind absolut hochklassig, haben Anspruch, mischen die typische Eingängigkeit neuerer Kreator mit klassischer Aggression - die Leads von Sami sind besser denn je.

 

Und wenn am Schluß ein kurzes Instrumental in "Demon Prince" überleitet, bin ich immer noch überrascht von dieser Offenbarung harter Musik - glaube ich doch plötzlich für einen kurzen Moment US-Power Metal im Stile von Jag Panzer zu erkennen (hört euch in Ruhe das Gitarren Intro an)- perfekte Double Leads, gepaart mit Thrash Raserei und PARDON Slayer-artigem Solo. Dazu der epische Ausklang des Stückes - besser geht nicht. BASTA!

 

Dies ist alles nur Ausdruck für ein abwechslungsreiches, kompositorisch herausragendes Album.

Dies ist kein Standard, hier werden Standards gesetzt - dafür meinen vollen Respekt.

 

FAZIT

 

DER THRASH KLASSIKER DER MODERNE, DA HERRLICH UNMODERN,

KLUGE KOMPOSITIONEN / ABWECHSLUNGSREICHES SONGWRITING,

AGGRESSIV UND DABEI HOCHMELODISCH, MUTIG UND WEITER GEHEND,

REINE UNVERFÄLSCHTE ENERGIE UND BRUTALITÄT,

DER GEIST DER 80ER JAHRE UMWEHT UND DURCHDRINGT UNS WIEDER - ENDLICH - KREATOR BRINGEN UNS EIN STÜCK WEIT DIE SEELE UNSERER MUSIK ZURÜCK 

 

P.S.

Die Limited Edition enthält noch ein kleines Making of "Hordes Of Chaos" 

 

Weiter hervorzuheben:

Das klasse Artwork und die Booklet Arbeit - beides von Joachim Luetke 

 

Kreator im Netz

 

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