MONATS-O(H)RGASMUS FEBRUAR 2010 - AMORPHIS

Dieses Jahr feiern Amorphis 20-jähriges Bestehen - womit geklärt sein sollte, warum die Band  Monatsthema geworden ist. Und doch ist es natürlich nicht ganz so einfach.

Einerseits habe ich immer noch Alben aus dem Jahre 2009, die hier besprochen werden sollten - gerade diese Scheibe wäre in meiner imaginären Jahresbetrachtung unweigerlich unter den Top 3 gelandet. Andererseits gibt es eben nicht viele solcher sympathischer, unaufgeregter Gesellen, denen man wirklich etwas gönnen darf.

Gerade Amorphis haben mit ihren Alben eine virtuose Achterbahnfahrt hingelegt, vom Schwarz triefenden Melo-Death der ersten Stunde, über immer progressiver werdende Atmo-Alben, bis nun zum melodischen 3er Schlag, bestehend aus "Eclipse", "Silent Waters" und eben "Skyforger".
Die Band selbst betrachtet die letzten drei Alben auch als (nun abgeschlossene) Trilogie.
Dies erklärt den musikalischen Zusammenhang dieser Alben.

Als reine Death-Metal Band, Anfang 1990 in Helsinki/Finnland gegründet, wurde bereits mit dem zweiten Album "Tales From The Thousand Lakes", durch die Hinzunahme von progressiveren Strukturen und Klargesang in den Songs, eine Kurskorrektur vorgenommen.

Entlehnt wieder einmal dem finnischen Schöpfungs-Epos KALEVALA - eigentlich einem Gedichte- und Liederband  (hier zwei schöne Berichte dazu: auf wiki  und  einer schönen Finnland Seite.

 

 

Es geht um die SKYFORGER - in der finnischen Mythologie, die Schöpfer von Himmel und Erde.
Ihre Schöpfungen und ihr Handeln bestimmen die Stücke des Albums.
Göttlicher Beistand also - kein Wunder warum diese Scheibe wieder aussergewöhnliches in sich trägt - aber dazu mehr in der eigentlichen Betrachtung der Scheibe.

An dieser Stelle muss man das wieder einmal herausragende Cover Artwork des Künstler TRAVIS SMITH (Webseite) hervorheben. Ein Bild, welches die innewohnende Kraft und gleichzeitig positive Vibes vermittelt.

Die Band ging ihren Weg, der bereits mit der zweiten Scheibe "Tales from a thousand lakes" zu Klassiker Ehren führte, entfernte sich allerdings wie angedeutet ein weites Stück von der Stilrichtung Melodischer Death, um sich selbst musikalisch zu verwirklichen (so sagt man doch wohl).


Als man 2004 an einem Punkt angekommen war, wo der Ausstieg des damaligen Sängers Pasi Koskinen immer wahrscheinlicher wurde (auf Grund fehlender Motivation, jedoch in Frieden untereinander, wie die Band nun mal ist), entschloss man sich noch zu einem Abschluss-Konzert, um sich dann in Ruhe auf die Suche nach einem neuen Sänger zu machen.

 

Nach langer Suche entschloss man sich für Tomi Joutsen.


Er brachte mit der Zeit die Trademarks in die Band zurück, die auf ihrem Weg ins unbekannte Land allmählich verloren wurden.


Gutturalen Gesang und Growls,

doch auch immer hochmelodiöse Passagen.

 

Parallel wurden die Energie und die Kraft der alten Kompositionen wiederentdeckt.
Die Kinder waren zurückgekehrt von ihrer Reise ins Universum.

Überhaupt ENERGIE:
Dies ist der Empfindungs-Zustand bei, und nach Einfuhr ihrer Songs.
Sie offenbaren einen unwiderstehlichen Sog, eine Gier -

nach Leben, nach dem Gefühl der Lebendigkeit, nach Befreiung.
Es ist unmöglich sich dem zu entziehen. Man möchte hinausschreien,

es mit der gesamten Welt aufnehmen, mit den Göttern selbst.

Amorphis sind auch eine jener Bands, die sich nie um Credibillity sorgen mussten.
Komischerweise waren sie immer akzeptiert, auch wenn die Fanbase irgendwann kleiner wurde,

doch böse war Ihnen eigentlich, ob ihrer Reise keiner so richtig.


Nun sind Sie zurück - stärker denn je.

Discographie
1992 The Karelian Isthmus
1994 Tales from the Thousand Lakes
1996 Elegy
1999 Tuonela
2001 Am Universum
2003 Far from the Sun
2006 Eclipse
2007 Silent Waters
2009 Skyforger

 

 

Amorphis - Skyforger 2009

Tracklist
  1. Sampo  6,09
  2. Silver bride  4,13
  3. From the heaven of my heart  5,20
  4. Sky is mine  4,20
  5. Majestic beast  4,19
  6. My sun  4,05
  7. Highest star  4,44
  8. Skyforger  5,16
  9. Course of fate  4,16
10. From earth I rose  5,04
Gesamt-Spielzeit   47,42 min

WISSENSWERTES

Stil
Melodischer Metal mit Folk-/Death-/Düster Einflüssen

Tendenzen
Hammond Orgel, Growls, prägnante Leadgitarre
leichte, nie aufdringliche Progressivität

Anspiel-Tipps
Sampo, Silver bride, Majestic beast, Course of fate

Label
Nuclear Blast

Die Band
Tomi Joutsen          Gesang
Esa Holopainen       Gitarre
Tomi Koivusaari      Gitarre
Santeri Kallio          Keyboards
Niclas Etelävuori     Bass
Jan Rechberger       Drums

EINDRUCK
Es dauert genau 48 Sekunden, dann hat mich dieses Album unweigerlich eingefangen.
Denn nach hochmelodischem Beginn, durch eine Pianomelodie unterstützt, und anschließendem hymnischen Einstieg der Band, der Eröffnungsnummer "Sampo", kommt zum ersten Mal der Refrain mit einer solch unwiderstehlichen Melodieführung um die Ecke, dass niederknien zum Ritual des Anhörens gehören sollte:

"The days they blend into the nights - The moon, the sun unite

- order of stars expires - a wonder is born."

Diesen Refrain bekommt man so schnell nicht mehr aus den Gehörgängen. Eine langgezogene, extrem harmonische Vocalline, die süchtig macht. Dann ein Break, balladeske Strophe mit Flötenspiel und Orchestersound, danach treibende Rhythmik und Gitarrensolo.
Nach 4,08 min dann die ersten Growls des Mannes, der den Finnen ihre Identität zurückgab:

Tomi Joutsen.


Seit 3 Scheiben nun an Bord (insgesamt ist es schon die Neunte), brachte er dieses urtypische Trademark der Band zurück: die Verschmelzung von hochmelodischem, warmem Klargesang mit den tiefen, mächtigen Growls - Erhabenheit und erdverbundene Tiefe gleichzeitig.


Ein Lehrbeispiel modernen Songwritings, für das andere Bands lange zaubern müssen, manche jedoch nie fertig bringen, und welches unweigerlich einen würdigen Abschluß jeder guten CD darstellen würde, steht hier ganz einfach mal am Anfang.


Und das Beste - diese selbst auferlegte Messlatte gilt dann auch für das komplette Album.

Nahtlos geht es über in Song No. 2 "Silver bride" - mein Gott, diese hochwertige Eingängigkeit,

diese Melodien, diese Hooklines - OHRWURMGEFAHR.
Dabei werden nie die Grenzen zur Belanglosigkeit überschritten. Diese treibende Mid-Tempo Nummer fesselt ungemein. Dafür sorgt die immer vorhandene Härte, die treibenden Drums, die elegischen Gitarrenspuren, die eingesetzten Growls.
Dann der instrumentale Teil mit zeitlosen Gitarrenharmonien, die wieder in den Refrain führen, der am Schluß noch einmal leicht stimmlich angehoben und mit Growls durchsetzt auf uns niederfährt.

Erholung vor so viel geballter Ladung Atmosphäre und Melodie - FEHLANZEIGE.
Genau eine Minute lassen uns die Jungs Zeit, bringen eine ruhige, folkloristische Keyboard/Pianoweise zum Erklingen, welche von der Gitarre aufgenommen wird, nur um nach dieser Eröffnungsminute im kompletten Sound zu explodieren - HYMNE - HYMNE - HYMNE - "From the heaven of my heart".
Dieses dynamische Wechselspiel zwischen Ballade und Mid-Tempo wird noch einmal im Song eingebaut. Ein Klasse Solo leitet über in den Abschluss-Refrain.
Dieses Eröffnungs-Triple der Scheibe ist so was von WELTKLASSE.

Der nächste Knaller folgt mit "Sky is mine" - und wir sind erst bei Song No. 4.

"I listened to my heart beating - The faint rush of my blood

- I listened to my heart beating - the echoes from space"


Lebensfreude, positiv bis zum Anschlag, es mit ALLEM aufnehmen können

- dies transportiert diese Musik für mich.


"The sky is mine - this sword is mine - this fate is mine - this miracle, MINE"

Dann wird es brachialer: "Majestic beast" eröffnet mit tiefen Growls, erinnert an OPETH, nur um dann wieder mit diesen Weltklasse Melodien zu punkten. Dann wiederum offenbart es leicht orientalisch angehauchte Melodien, die progressive Death-Metal-Opeth Keule wird wieder ausgepackt.

Schnelle Gitarrenläufe, treibendes Schlagzeug und TOMI in Bestform.

Meine Herren - wie kann man nur einerseits diese Abwechslung bieten, auf schwindelerregendem Niveau, dazu so einfach diese wahnsinnigen Melodien einbringen und so packend sein.
Leichte Progressivität mit inbegriffen, eine Band, wie aus einem Guss, Songs die ins Ohr gehen,

dort hängen bleiben UND (auch nach immer wieder kehrendem Anhören) nicht langweilen.

Danach kommen mit "My sun" und "Highest star" zwei Songs, die gut im Kontext funktionieren, aber nicht mehr so spektakulär grandios sind, wie die ersten Nummern (zeigt mir die Band, die DAS schafft).

Danach folgt das treibende Titelstück "Skyforger", welches wieder mit phantastischen Gesangsspuren punktet, im Chorus mit folkloristischem Chorgesang und gleichzeitigen Growls aufwartet.
"I am the maker of the sky - I am the forger of the arc"

Am Ende ziehen uns AMORPHIS mit "Course of fate" wieder in die Welt der prägnanten Leadgitarre.
Wie bei vielen Songs der Scheibe werden immer wieder prägnante Gitarrenharmonien der Lead-Gitarre in die Songs eingewoben, an denen man sich orientieren kann,  die Ausrufezeichen setzen - meist extrem elegisch und hymnisch daher kommen, und damit einfach für eine unheimliche Größe des jeweiligen Songs sorgen.
Dies ist zeitlos - hat Stil und legt immer wieder eine neue Schicht in den Sound.
Vielschichtigkeit ist auch eines der Zauberworte, wenn man die Musik dieser Band besprechen möchte.

Das Parkett aus Schlagzeug und Bass,

dieses Fundament, dient nur allen anderen Beteiligten um sich darauf auszutoben.
Die Gitarren schießen eine Melodie nach der andern in den Sound, die Keyboards, fächern spährische Hammond-Orgel-Sounds, oder bringen leise Pianoklänge mit ein, Flöten und orchestrale Elemente mit eingeschlossen.
Und der Sänger offenbart die Seele der Songs durch seinen hochmelodischen, emotionalen Gesang,

den er selbst immer wieder durch die geschickt eingesetzten tiefen Growls aufbricht.
HERRLICHE SONGWRITERKUNST.

Mit einer Hymne (wie sollte es auch anders sein), "From earth I rose" beschließen die Jungs ein unglaublich homogenes, und doch sehr vielschichtiges Album mit Tiefgang und Langzeitwirkung.
Ein langgezogener Growl-Schrei "Darkness was my light ... Death was my life ...",

und noch einmal große Melodien, inklusive einer Jethro Tull-artig gespielten Flötenmelodie.
Ein Meisterwerk, wie es in dieser Art momentan wohl nur von AMORPHIS erschaffen werden kann.

Ich ertappe mich dabei, dass ich beim Schreiben dieser Kritik immer wieder die Repeat Taste drücke, einzelne Songs immer wieder hören möchte - nein, MUSS.
Dies alles packt einfach so ungemein, es fesselt, UND es nutzt sich nicht so leicht ab.
Die Langzeitwirkung der Songs, hervorgerufen durch ihre immer latent vorhandene Progressivität, ist der Schlüssel dazu. So wechselt auch mein Lieblingsstück auf diesem Album bei jedem neuen Abspielen

- ein gutes Zeichen für die Klasse der Songs.

FAZIT
Dichte, atmosphärische Filetstücke einer Band auf ihrem Höhepunkt.
Mit einer ungemeinen Leichtigkeit serviert. Detailreiche Songs, ohne Frickelei.
Intensiv - Melancholisch - Emotional - Opulent - Gewaltig


Ein berauschender, moderner Klassiker - OHNE WENN UND ABER
Im melodischen Metal Bereich EINDEUTIG unter den 3 besten Scheiben im Jahre 2009 !


Webpage der Band

                                                                                                                              DARKEN TOM

P.S. Auf der Special Edition erwartet einen noch das Bonus Stück "Godlike Machine",

      welches genauso stark ist, wie der Rest des Albums.
      Trotzdem ist hier Vorsicht angebracht, da es bei der Erstpressung zu zwei Abmischfehlern kam.
       So weisen zwei Songs ("Sky is mine" und "Skyforger") Unregelmässigkeiten im Sound auf

       - zwar nur kurz bei Einem und ca. 30 sek. beim zweiten Song, doch es stört natürlich.