MONATS-O(H)RGASMUS AUGUST 2010 - NEVERMORE

 

HOUSTON - WIR HABEN EIN PROBLEM ...

Es gibt Bands, die es mit immer wiederkehrenden einfachen Stilelementen schaffen, eine Nische zu besetzen. Stets (fast) unverändert stehen Sie wie Felsen in der metallischen Brandung unseres musikalischen Universums - und dafür lieben wir sie.
Ob AC/DC oder MOTÖRHEAD - man weiß einfach, was einen erwartet, was man bekommt.

Doch dann gibt es da die anderen, die sich mit den immer wiederkehrenden Abfolgen von Songs nicht zufrieden geben wollen. Sie experimentieren, sind immer noch besessen davon sich musikalisch, persönlich und stilistisch weiterzuentwickeln.
Dieser Weg verdient unseren Respekt, manchmal fordert er auch einfach wieder das "neue" Kennenlernen einer Band; macht es einem nicht immer einfach in die Musik dieser Bands einzutauchen.

Stell Dir vor Du hast ein Date mit einer wunderschönen Frau.
Sie gefällt Dir so gut, dass Du Dich immer wieder mit Ihr triffst.
Ist der erste Reiz verflogen, merkst Du jedoch dass sich die Gespräche immer nur um die gleichen Themen drehen - einfach für Dich? O.K., aber zumindest in diesem Bereich langweilig, oder?

Eine andere Holde erscheint Dir eher zwiespältig, doch bei genauerer Betrachtung entdeckst Du immer neue kleine Facetten. Sie offenbart Dir eine vielschichtige Persönlichkeit, auf die du dich zwar manchmal neu einlassen musst, die aber Abwechslung und Überraschung bietet - ENTSCHEIDE selbst!

NEVERMORE waren für mich immer eine Band der zweiten Art.
Ich liebte Sie für ihre musikalische Größe - ich mochte ihre Entwicklung

- sie forderten stets eine Gesinnung, die ich mir bewahren möchte - OPEN MINDED.
Nicht vorverurteilen, nicht einfach nur nebenher - nein, genaues Zuhören

und Schranken-loses Zugehen auf die Outputs der Band waren, uns sind immer noch Pflicht für mich.

Was habe ich die Entwicklung der Band genossen.
Von seligen SANCTUARY Tagen der End-Achtziger/Anfang der Neunziger,

zur Gründung der Band NEVERMORE, waren SEATTLES FINEST immer das Ausrufezeichen in einem quitschbunten POWER-KOSMOS.


Die Tour mit FATES WARNING, es muss 1990 gewesen sein, war wohl einer der ausufertsten O(h)rgasmen aller Zeiten für mich. Wir mussten irgendwo im badischen Hinterland 2 Stunden,

bei klirrender Kälte, vor der Halle warten und das folgende Erlebnis war wirklich jede Minute wert.


Mit Nevermore dann das Feintuning des ureigenen Metal-Verständnisses, welches wohl spätestens mit "Dead Heart In A Dead World" (2000) Dimensionen erreichte, welche viele Bands nicht mal ansatzweise am beschränkten Horizont ihres Seins erkennen können.

Die eher thrashige "Enemies Of Reality" (2003), das progressiv angehauchte Monster

"This Godless Endeavour" (2005) waren weitere Offenbarungen einer Band,

die recht einsam an der Spitze eines gesamtem Musik-Genres stand.


EINES hatten die Scheiben alle gemeinsam - sie waren NIEMALS gleich, sie zeigten IMMER neue Facetten auf, sie forderten STETS eine Auseinandersetzung mit dem musikalischen Inhalt.
Wir liebten die Band für ihre progressive Herangehensweise, für das Entwickeln ihrer Sounds,

das Weiterführen ihrer Vision von Musik.

Nun also "The Obsidian Conspiracy" - ein Album, welches "seltsamerweise" anders klingt, als der Vorgänger und auch anders als die Erwartung. Aber was haben wir denn eigentlich erwartet? Der Weg war doch bisher auch NIE zweimal der Gleiche!  Also macht euch locker, macht euch frei von gedanklichem Ballast - hört wieder einmal in Ruhe und vor allem genauer hin - dann werdet ihr es erkennen.

DIESES ALBUM GEHÖRT EINDEUTIG ZU DEN HERAUSRAGENDEN DER BAND - PUNKT


Über das Ranking im Backkatalog kann man natürlich sehr wohl unterschiedlicher Meinung sein und "Dead Heart ..." bleibt wohl in seiner Geschlossenheit auf ewig unerreicht,  aber dann könnte man sich schon über die weiteren Plätze streiten und genau das ist auch gut so.

 

Viele haben bei dieser Band andere Favoriten, weil die Band dies auch hergibt, mit ihrer gebotenen Abwechslung und ihrem ständig angewandten Feintuning.

Das Ausloten der musikalischen Tiefen hat nur wieder etwas hervorgebracht mit dem wir nicht rechneten.

Denn nun werden Elemente in der Vordergrund gestellt, welche im bisherigen Schaffen, noch nie so stark im Vordergrund standen:


EINGÄNGIGKEIT - MUSIKALITÄT

- MELODIEN-VERSTÄNDNIS

Aber, hey - wir reden hier von NEVERMORE.
Die Details, die Facetten, die Feinheiten

- sie sind alle vorhanden.


JEFF LOOMIS zaubert auch in den eingängigsten Songs kleine Wunderwerke der Gitarrenkunst ins musikalische Konzept. Hört oder seht euch nur mal das Solo von "Emptiness Unobstructed" im Video an.

Er agiert stilistisch offener und abwechslungsreicher als auf den bisherigen Scheiben,

entfesselt trotzdem Orkane voller Macht (und gleichzeitig Schönheit).


Die komplexen Rhythmen von JIM SHEPPARD und VAN WILLIAMS werden nicht in jedem Song angewandt und vor allem nicht mit der Holzhammermethode, aber dies ist eher von Vorteil, denn wenn sie dann mal losgelassen werden, ist es ein wirkliches Erlebnis, wie z.B. im abschließenden Titeltrack.


Und WARREL DANE - nun, er sang selten variabler, als auf dieser Scheibe. Eindeutig seinem

(nun endlich) gesunderen Lebensstil zuzuschreiben - würde ich mal so salopp formulieren.

Und das die Songs im Gesamtfundus der Band funktionieren und sogar neben den absoluten Bandklassikern bestehen können, hat das ROCK HARD FESTIVAL (hier der Bericht) dieses Jahr gezeigt, wo mit den 4 gespielten Songs der neuen Scheibe einfach nur ein noch weitertes Spektrum ihrer Kunst aufgezeigt werden konnte. Und die Songs haben nicht nur dazugehört,

nein zumindest "Emptiness Unobstructed" schien wie ein weiterer Klassiker zu erstrahlen.

So lange genug geschwafelt ... hier die Besprechung ...

 

 

 

Nevermore - The Obsidian Conspiracy 2010

Tracklist
1. The Termination Proclamation  3,08
2. Your Poison Throne  3,51
3. Moonrise (Through Mirrors Of Death)  4,01
4. And The Maiden Spoke  4,59
5. Emptiness Unobstructed  4,37
6. The Blue Marble And The New Soul  4,37
7. Without Morals  4,17
8. The Day You Built The Wall  4,22
9. She Comes In Colors  5,31
10. The Obsidian Conspiracy  5,16
Gesamt-Spielzeit   44,39  min

WISSENSWERTES


Stil
Dark Power Metal

Tendenzen
wesentlich zielgerichteter (auch zugänglicher) und etwas melodischer als vieles vorher
Dead Heart In A Dead World Schlagseite

Anspiel-Tipps
Your poison throne, Moonrise, Emptiness Unobstructed,
She comes in colors, The Obsidian Conspiracy

Label
Century Media

Die Band
Warrel Dane        Gesang
Jeff Loomis          Gitarre
Jim Sheppard      Bass
Van Williams       Drums

EINDRUCK
5 Jahre hat es gedauert in der sich JEFF LOOMIS und WARREL DANE mit ihren Soloprojekten

(beide sind übrigens hervorragend geworden) austoben konnten. Dann machte irgendwann

das Cover der neuen Scheibe die Runde - eines der besten von TRAVIS SMITH, wie ich meine.

Ausserdem wurde auch gleich der Produzent von Warrel Danes Solostreich verpflichtet

- PETER WICHERS (Soilwork) ist für einen Sound verantwortlich,  welcher Raum lässt für die einzigartige Stimme von Warrel und weniger "technisch" daherkommt, als auf dem letzten Album -

es lebt - es atmet.


Dies wohl eine der einschneidensten Veränderung im Songwriting. Wo in der Vergangenheit knallharte Gitarrenwände dominierten,  werden heute auch mal gedrosselte Wege befahren, um den Songs eingängige Strukturen zu verpassen und Freiräume für den Sänger zu schaffen.

"The termination proclamation" eröffnet gewohnt,

schnelle Gitarrenabfahrten, Double-Bass Sperrfeuer und die Stimme, welche ihre eigenen Melodiebögen über progressiv angehauchtes Power-Spiel spannt.
Loomis shreddert ohne Ende, nur unterbrochen durch ein paar, den Refrain unterbauende, offene Riffs.

Kleiner Tapping Soloteil und wieder dieser erste melodische Refrain.
Am Ende dann sogar eine kleine STEVE VAI Verbeugung.

"RISE RISE RISE" - jaaa, aber klar doch,

"Your poison throne" erklingt.
Etwas weniger Speed, etwas mehr Druck und Power, unglaublich gute Bridge, dieses wohl nur dieser Band gegebene Melodienverständnis, nie simpel, oft subtile Melodiebögen zu schreiben ist unglaublich.
Dann der Break - welche Klasse, eine hochmelodische Gitarrenharmonie, nur um wieder mit RISE RISE RISE Rufen zurückzuführen zu Power und Aggression.

Wenig progressiv - JA / Schlechter - NEIN / Anders - JA
Einfach songorientiert und kompakt.

"Moonrise (through mirrors of death)" - fast schon Hymne, ein Wechselspiel zwischen Spoken Word Einlage, treibenden Drums, schnellen Gitarren und wirklich grosser Gesangsharmonie.


"And the maiden spoke" beginnt mit einer kleinen, fast orientalisch anmutenden Melodie,

bevor der bisher schnellste Part der Scheibe erklingt, Riffs en masse, Spoken Word Einlage,
der Refrain erstrahlt, genauso wie das kurze melodische Zwischenspiel von LOOMIS.

Diese lang gezogenen Töne von DANE gehen direkt ins EMO-Zentrum. Dann der Soloteil der Gitarre

- mein Gott, welch Songverständnis, Töne die den Raum erhellen,

bevor DANE wieder in die Dunkelheit führt - ein Wechselbad der Gefühle und definitiv grosse Kunst.

Danach der "Hit" der Scheibe "Emptiness unobstructed" - eine Powerballade in der Tradition von

"Heart collector". Versehen mit dem hymnenhaftesten Refrain der Scheibe.
Nach kurzer Einführung ins Haupthema, gibt sich der Song balladesk und ruhig, wird nur von Akustikgitarre und zurückgenommenem Bass/Drum-Spiel getragen, doch schnell ergreift die Bridge den Raum, den ihr diese Instrumentierung bietet und dann der Refrain

- DIESER REFRAIN - ich bekomm ihn nicht mehr aus dem Kopf - er dominiert, er wächst, er strahlt.
Dane singt hoch emotional, gibt den Erzähler und den Sänger.
Diese mächtigen Riffs die Loomis in der Mitte platziert und dann das Solo - nichts ist wie es auf den ersten Blick scheint - achtet auf das Solo im Video - wer spielt diese Kombo so wie Loomis.
Abschließend noch mal der mächtige, kraftvolle Refrain und die dunkle Stimmfarbe als Spoken Word Ende ... "TIME HAS STOPPED" ... wie geil ist das denn?

"The blue marble and the new soul" bringt erstmals Erholung, Leute die ersten 5 Songs sind und bleiben Weltklasse für mich, und dies selbst im NEVERMORE Background.
Eine ruhige, fast schon psychedelisch angehauchte Ballade, mit irritierendem Gesang,

voller Wahn und Druck, Emotionen und Ruhe, Düsternis - grosse Leistung von DANE.
Und dann diese ausbrechende Bridge, immer weiter anziehende, sich immer höher schraubende Gesangsharmonie, Pianounterstützung, plötzliche schwere Riffs.

Die übergehen in "Without morals" - das Tempo wird angezogen, der Sound wieder härter, die Gitarre zerstört gnadenlos, aufkommende Kuschelstimmung. Habe ich schon erwähnt, wie ich diese Stimme vergöttere, die sämtliche Schattierungen zu liefern vermag. Und wieder ein gnadenlos kurzes Solo, Technik und Feeling in Balance und Perfektion.

Weiter, weiter geht der Weg, nochmals der packende Refrain.

"The day you built the wall", intensiv wie Hass, atmosphärisch leicht untermalt mit etwas ruhigeren Passagen. Schwerste, aggressive Riffs - Melodiebögen der Extraklasse im Mittelteil, Töne voller Glanz

- LOOMIS der Meister hält Hof.
Subtile Gesangsharmonien, HiHat Akzentuierungen, Gitarren-Extraklasse.

"She comes in colors" dann, die lupenreine wunderschöne Ballade (denkt man zuerst - hihihi).
Akustik-Gitarren, zweistimmiger Gesang, Oberton Spiel auf der Gitarre und plötzliches, abruptes Ende des harmonischen Spiels. Explosion des Sounds und der Gitarre, Stakkato Riffs fräsen an der Harmonie, die nur noch von der Gesangsharmonie gestützt wird.

Gnadenlos prescht die Gitarre, der Gesang wandelt sich zum abgründigen, gepressten, dämonenhaften Spiel.
WELCH SONGWRITING - ihr werdet es nach mehrmaligem Hören erkennen. Hier sitzt jeder Ton und keiner ist zuviel. Das (wieder einmal) Weltklasse

(oder eher eigene Klasse) Solo rult.


Die Steigerung gegen Ende - der Wahnsinn greift um sich - Druck und Power explodieren im wild bangenden Schädel, vergessen die Anfeindungen an die Band, vergessen die Kritiken.

DENN WER DIESE KLASSE NICHT ERKENNT HAT DIESE BAND NICHT VERDIENT.

"The obsidian conspiracy" vernichtet entgültig zurückgebliebene Reste von Vernunft und Gelassenheit. Schnelle, treibende Drums zimmern das Grundgerüst auf denen sich die Gitarre auftürmt

- ein schier unüberwindliches Hindernis. Gäbe es da nicht diese Stimme, die scheinbar mühelos den Kampf aufnimmt, einmal mehr hymnenhaften Refrain aus dem Ärmel schüttelt.

Vertrackter, progressiver, schneller, etwas sperriger Abschluss der regulären Scheibe.

"THESE ARE MY LAST WORDS" erklingt der Schwur 'gen Ende

LEUTE ICH ERKENNE HIER KEINE SCHWACHE NOTE - KEINEN SCHWACHEN SONG -

WACHT AUF

FAZIT
Die (nur vordergründig) ruhigste, in der Ausprägung abwechslungsreichste und songdienlichste Scheibe der Bandkarriere, melodischer und eingängiger als gewohnt,

daher sehr ausgewogen und leichter zugänglich
Viele Feinheiten und Details werden erst bei genauerer Betrachtung erkannt

Emotionale, intensive Achterbahnfahrt eines Sängers der Extraklasse
Intensiv, höllische Rifforgien in Verbindung mit hochmelodischen Abschnitten eines furiosen Gitarristen weit über der üblichen Power Metal Welt (und darüber hinaus)

P.S.: Bei der limitierten Version der Scheibe gibt es noch zwei Cover-Songs (eine alte Tradition der Band) zu bestaunen.
"Temptation" von THE TEA PARTY - eine Nummer voller orientalisch anmutenden Melodiebögen und extrem abwechslungsreichem Gesang, stampfend, pochend, voller Groove.
"Crystal Ship" von THE DOORS - eine relaxte, ruhige Nummer mit latentem Western Bar Feeling.      
Ausserdem gibt es hier noch ein kleines Lehrvideo, wo zwei Songs (Your poison throne und The obsidian conspiracy) des Albums gitarrentechnisch erklärt werden, und man sogar die Gitarren Tabulaturen ausdrucken kann. Die Songtexte kommen bei der Auflage jeweils einzeln,

auf der Rückseite von 10 Postkarten grossen Kunstdrucken der Travis Smith Motive.

Webpage der Band

 

Ich habe fast nach jedem Durchlauf ein anderes Highlight, die Songs verändern sich eigentüm-

licherweise wohl bei jeder Einfuhr. Ein Paradebeispiel für ausgeklügeltes Songwriting mit dem gewissen Etwas. Beschäftigt euch mit der Scheibe und ihr werdet hoffentlich den Punkt erreichen,

wo es KLICK macht. Dann aber zündet das Ding ohne Unterlass. Einzelne Songs wachsen extrem

z.B.: "She comes in colors", einfach immer wieder die Chance geben.

Was hat diese Band mich auf dem Rock Hard Festival zertrümmert.

Gerade auch mit den neuen Songs. Was bin ich froh, dass es solche Bands im Zirkus noch gibt.

Schwindel erregende tosende Stürme im Alltags-Metal - Leuchtfeuer der Zunft - mit hohem Suchtfaktor.

Ein weiteres MEISTERWERK oder nicht - ENTSCHEIDET SELBST - meine Meinung steht fest ... 

                                                                                                            DARKEN TOM