MONATS-O(H)RGASMUS APRIL 2010 - ORPHANED LAND
MUSIK IST VIELFÄLTIG.
Nicht nur in der Form, sondern auch im Ausdruck.
Reine Party-Knaller – die der sofortigen Zündung unterliegen müssen.
Ob diese Band nun AC/DC oder Scooter heißt, ist für die Wirkung
auf die jeweilige Zielgruppe nicht von Bedeutung, es kommt auf die erzielte Stimmung an.
Ob nachdenkliche, ruhige Stücke – welche um Aufmerksamkeit und genaues Zuhören heischen.
Singer/Songwriter leben hiervon, Musik wird reduziert, um Stimme und den Text besser in den Fokus stellen zu können.
Dann gibt es Musik, die eine gewisse Form von Emotion oder Gefühl transportieren möchte.
Die Eiseskälte oder der Weltenhass beispielsweise, wie sie von guten Black Metal Bands unnachahmlich transportiert werden können.
(Aufgeblasene) Konzepte, manchmal gut, manchmal weniger gut umgesetzt, leben vom Bombast und/oder vom allgemeinen Ausdruck. Ob der Musik oder des Rahmens, den man sich gibt.
Entwicklung heißt oft, sich unterschiedlichen Stilen zu öffnen, um „Neues” zu kreiren.
Ob dies musikalische Stile oder Stile des Songwritings, der Produktion etc. sind, ist nicht so entscheident.
DIE SUCHE ist es – der Weg dorthin, der etwas entstehen lässt.
Große Werke zeichnen sich oft durch die Verknüpfung mehrerer Merkmale aus,
zumindest liegt ihnen doch fast ohne Ausnahme ein längerer Prozess zu Grunde, eine erworbene Reife.
Unabdingbar ist auch die richtige Kanalisierung des Herzblutes, welches in herausragende Musik stets einfließt.
SEELE ... ist Vorraussetzung. WERTE ... brauche ich, um eine Aussage treffen zu
können.
ÜBERZEUGUNG ... für mein Tun, sonst kann ich niemanden mitreißen.
WURZELN oder TRADITION ... wichtige Fundamente des Lebens.
Ganz schön viel Gerede um Musik meint Ihr? Nun, ihr sollt eben verstehen, das dies mir wichtig ist.
Zugegeben – manchmal mehr und manchmal weniger, je nach Stimmung in mir.
Ich kann auch nicht immer das hyper-genial Konzeptwerk haben, welches für sich meint,
am fernen Sternenhimmel des Musik-Olymps einsam seine Kreise zu ziehen.
Aber es gibt diese Momente, wo mir nichts wichtiger scheint, mir nichts mehr gibt, als gerade solch ein Werk. Wo ich durch die Musik hindurch fühlen kann, dass es den Künstlern (denn hier kann
man dann auch davon sprechen) ernst ist.
Sie etwas mitzuteilen haben, es tiefere Dimensionen der Musik gibt, als nur die Klänge selbst.
Eine ernstzunehmende AUSSAGE möglicherweise,
ein unbequemes AUSEINANDERSETZEN mit meiner Welt.
EMOTIONEN, welche nicht vom Hörensagen, sondern vom ERLEBTEN stammen.
Und HOFFNUNG vielleicht – woran ich mich aufrichten kann, was mich wieder befreiter atmen lässt.
So schaffst Du MEHRDIMENSIONALITÄT und VIELSCHICHTIGKEIT.
Es gibt einige Alben, auf die ich dieses anwenden würde.
Sylvan - Posthumous Silence
Fates Warning - A Pleasent Shade Of Grey
Psychotic Waltz - Into The Everflow
Und doch weisen die wenigsten Alben, all diese Punkte auf.
Eine Scheibe, die mich momentan so berührt, so fesselt, so beeindruckt und letztendlich emotional
so mitreißt wie kaum eine (möglicherweise gar keine) Scheibe der letzten Jahre soll hier auf unserer Seite festzementiert werden ... FÜR DIE
EWIGKEIT
ORPHANED LAND - THE NEVER ENDING WAY OF ORwarriOR
ORPHANED LAND - das Verwaiste Land
Die Band stammt aus Israel, und gründet sich im Jahre 1991, noch unter dem Namen RESURRECTION. Doch schon wenige Zeit später benennt man
sich in Orphaned Land um.
Zentrales Thema ihrer Musik, ihres Seins, ist der Konflikt im Mittleren Osten.
Die Spaltung innerhalb der Gesellschaft und die alltägliche Gefahr der Eskalation prägen die Band.
Sänger Kobi beispielsweise wächst in einem Vorort von Tel Aviv auf.
Dort wohnen auf engstem Raum Juden, Christen und Muslime - tägliche Konflikte sind vorprogammiert.
Und doch schafft dieser kulturelle und vor allem religiöse Schmelztiegel eine ganz eigene Betrachtungsweise der Dinge, sowie eine ganz eigene Herangehensweise an die Musik, und vor allem an die
Texte.
Die Band beschäftigt sich mit religiösen Themen, versucht dabei jedoch stets wertneutral zu agieren, vielmehr verbindende Elemente herauszuarbeiten.
Zentraler Punkt sind die Religionen des Judentum, des Christentum und des Islam.
Als musikalischen Rahmen wählt man sich Elemente aus Doom- und Death-Metal.
Doch schnell wird klar, dass dieser Rahmen viel zu eng gesteckt ist für ihr ernstes Anliegen.
So wird die Musik immer weiter aufgebrochen - folkloristische Instrumente halten Einzug,
orientalische und arabische Melodien werden eingefügt,
Percussion und Chorgesänge aus dem nahen Osten runden dieses Bild ab.
Als Einordnung dienen Begriffe,
wie JEWISH MUSLIM METAL oder MIDDLE EASTERN PROGRESSIVE METAL.
Und was der politischen Welt nicht gelingt, schafft die ungeheure Kraft der Musik:
Auf den Konzerten der Band trifft man Araber und Israelis, die trotz dieser kulturellen, religiösen und politischen Unterschiede, ein gemeinsames Fest begehen - für eine gewisse Zeit ihre
Unterschiede vergessen. Auf Social Network Seiten der Band unterhalten sich Fans unterschiedlichster Kulturen und Religion, über dieses verbindende Element - die Musik IHRER Band. Manche tragen
gar stolz Tatoos der Band. Sie alle gehen große Risiken ein, in einem Staatssystem, welches die Musik nicht gutheißt,
oder wie in der arabischen Welt, diese Musik sogar verdammt.
Ein Beispiel:
Ein Fan wird für 6 Monate ins Gefängnis gesteckt, weil bei ihm zu Hause eine Aufzeichnung der Band gefunden wird, bei der Orphaned Land den Versuch wagten, Verse des Korans zu vertonen,
respektvoll und voller Demut. Genau dieser Verantwortung sind sich Orphaned Land dann auch zunehmend in immer stärkerem Maße bewusst.
Diese universelle Sprache der Musik bringt unterschiedlichste Menschen zusammen, öffnet Herzen, schafft Gemeinsamkeiten und schlägt die Brücke von Ignoranz hin zur Toleranz.
Der afrikanische Musiker Fela Kuti sagte einmal:
„Musik ist die Waffe der Zukunft”
ORPHANED LAND sind der lebende Beweis!
Doch DER WEG dorthin war und ist nicht einfach.
Als die Band sehr schnell beim französischen Label
HOLY RECORDS unterkommt, scheint der Horizont nicht weit. Im Jahr 1993 wird das Demo "The Beloved Cry" veröffentlicht, 1994 folgt das erste Album "Sahara",
1996 bereits das zweite, mit Namen "El Norra Alila".
Doch die politische Lage in Israel im Jahre 1997 bedingt eine Zwangspause für die Band - DIE ZUKUNFT - ungewiss.
Trotzdem wird in dieser Zeit ein Vertrag bei Century Media unterzeichnet.
Nach der Pause und ein paar Konzerten, geht man an die Verwirklichung eines großen Albums
- MABOOL (hebräischer Name für die Sintflut).
"Mabool - The Story of the three sons of seven",
im Jahre 2003 entstanden und 2004 erschienen,
erzählt die Geschichte dreier Söhne - ihren Versuch,
trotz wütender Glaubenskriege,
weiteres Blutvergiessen zu verhindern.
Symbolisiert durch die Schlange (Judentum),
den Löwen (Christentum) und Adler (Islam).
Doch ihr Anliegen scheitert und der "große Sturm" überzieht das "sündige Land".
Dies ist bereits ein extrem eigenständiges Werk, mit großem Ideen-Reichtum, hat allerdings noch nicht die Schwere des neuen Albums, bleibt eine Spur traditioneller.
So sollte dies (für Neueinsteiger) möglicherweise den Zugang zur Komplexität von ORPHANED LAND erleichtern.
Die Musik ist nun schon progressiver gehalten, erinnert in manchem Momenten an DREAM THEATER
- ist bei den Gitarren aber eher traditionell ausgerichtet, will heißen schöne Harmonien,
(ab und an lugt IRON MAIDEN oder eben DREAM THEATER um die Ecke), es gibt viele ruhige Momente, die Keyboards haben eine tragende Rolle - und bleibt doch durch die Hinzunahme
der folkloristischen und orientalischen Elemente extrem eigenständig.
So wird der Weg geebnet für einen weiteren Reifeprozess, der mit dem 2010 erschienen Album
"The Never Ending Way Of ORwarriOR" einem neuen, ungeahnten Höhepunkt erreicht.
In seinem viel gelobten Buch „Heavy Metal Islam” nannte der Autor MARK LEVINE Orphaned
Land bereits die einflussreichste Metal-Band im Nahen Osten.
Discography (Hauptwerke):
The Beloved's Cry (First Demo) (1993)
Sahara (1994)
El Norra Alila (1996)
Mabool – The Story of the Three Sons of Seven (2004)
The Never Ending Way of ORwarriOR (2010)
DER ORwarriOR
5 Jahre Entwicklungszeit - über 600 Stunden Studio-Arbeit - zahlreiche Gastmusiker,
wie das NAZARETH ARABIAN ORCHESTRA, unzählige folkloristische orientalische
und traditionelle Instrumente, wie Bouzouki, Cümbüs, Saz, Santur, arabische Flöten,
orientalische Schlaginstrumente, dazu Geigen, verschiedenste Gitarrenarten und Klavier.
Gesungen wird in verschiedensten Sprachen, u.a. in Englisch (hauptsächlich), Hebräisch,
Arabisch und Jemenitisch.
Edel abgerundet durch die phantastische Arbeit (er spielte auch ein paar Keyboards ein) von
STEVEN WILSON (Porcupine Tree), welcher den Spaghat schafft, sämtliche Instrumente und Stimmen transparent ins Gesamt-Klangbild einzufügen und doch eine warme, druckvolle Produktion
zu schaffen.
So entstand ein progressives, episches, hoch komplexes Manifest, welches den politischen und religiösen Vorstellungen und Vorschriften trotzt. In der Schnittmenge aus Metal, Rock und Folklore
- orientalische OPETH sei als kleine Annäherung genannt, und doch ruhiger ausgerichtet,
mit wesentlich mehr "Zutaten".
Schon das Booklet weist auf die Außergewöhnlichkeit hin. Hier hat ein jordanischer Künstler aus hebräischer und arabischer Schrift ein gemeinsames Symbol für Frieden entwickelt.
Die Texte selbst sind überaus kunstvoll in Szene gesetzt - mehrsprachig natürlich.
Das Ganze wurde in der handwerklichen Kunst der Kalligraphie geschaffen, neue Bearbeitungen,
wie Photoshop etc. wurden nicht benutzt - ein MEISTERWERK.
Das textliche Konzept verfolgt den Ansatz des Kriegers des Lichts, welcher in jedem von uns zu finden ist.
In 3 textliche und musikalische Abschnitte unterteilt, entfalten diese Kapitel die kunstvolle und komplexe Geschichte.
OR ist das hebräische Wort für Licht und der KRIEGER DES LICHTS kämpft nicht so sehr gegen die Dunkelheit, sondern gegen den
Kampf als solchen.
Dazu Sänger Kobi:
Da wir in die Tragödie, die unsere Heimat mit sich bringt, hinein geboren wurden, egal ob wir wollten oder nicht, haben wir uns schon immer dafür eingesetzt, durch unsere Musik diese Konflikte zu
lösen und den Drahtseilakt zu vollbringen, all das Gegensätzliche zu vereinen. Israel - das heilige Land, ist längst nicht mehr das "versprochene" Land, nein, es ist vielmehr das "verlassene"
Land.
Moral, Toleranz, urtypische religiöse Werte wurden vergessen. Die drei wichtigsten Religionen, die alle an einen monotheistischen Gott glauben, bekriegen sich gegenseitig.
Unsägliche Verbrechen werden im Namen der Religion begangen und in dieser nicht absehbaren düsteren Zeit ist es notwendig zu begreifen.
Die Gleichheit der Menschen ist es, egal ob Christ, Moslem oder Jude, die wieder in den Fokus gestellt werden muss. Ein dringender und flammender Appell für Frieden.
Das die Musik dazu nur einen kleinen Teil beitragen kann ist uns bewusst, doch ES IST EIN ANFANG ...
Auch die Bildstrecke, die ihr hier im Bericht sehen könnt "The Tango Between God And Satan"
- durchaus kontrovers diskutiert, zeugt doch von dem Versuch der Band auch visuell zu verbinden.
Alle Stilmittel auszureizen, um Aufzufallen, aber auch zum Nachdenken anzuhalten.
Doch nun zum aktuellen Werk der Band:
Orphaned Land - The Never Ending Way Of ORwarriOR 2010
Tracklist
Part I
: Godfrey's Cordial – an ORphan's life
1. Sapari 4,04 2. From Broken Vessels 7,36 3. Bereft In The Abyss 2,45
4. The Path Part 1 – Treading Through Darkness 7,27
5. The Path Part 2 – The Pilgrimage To Or Shalem 7,45 6. Olat Ha'tamid 2,38
Part II
: Lips Acquire stains – The warriOR awakens
7. The Warrior 7,11 8. His Leaf Shall Not Wither 2,31 9. Disciples Of The Sacred Oath II 8,31 10. New Jerusalem 6,59 11. Vayehi Or 2,41 12. M I ? 3,27
Part III
: BARAKAH – enlightening the Cimmerian
13. Barakah 4,13
14. Codeword: uprising 5,25
15. In Thy Never Ending Way (Epilogue) 5,09
Gesamt-Spielzeit 78,14 min
WISSENSWERTES
Stil
Progressive Metal
Tendenzen
Orientalische und folkloristische, traditionelle Instrumente
gemäßigte Opeth in Stimmung und Ausdruck
Anspiel-Tipps
Sapari, The Path I + II, The Warrior, Codeword:Uprising, In Thy Never Ending Way
Label
Century Media
Die Band
Kobi Farhi Gesang
Yossi Sa'aron (Sassi) Gitarre, Saz, Bouzouki, Oud
Matti Svatizky Gitarre
Uri Zelcha Bass, Fretless Bass
Session members:
Shlomit Levi Female Vocals
Avi Diamond Drums
Gastmusiker:
Steven Wilson Keyboards
+ unzählige weitere Gastmusiker
EINDRUCK
Die Kurzform:
FÜR PROGRESSIV-KENNER DAS GEILSTE SEIT LANGER, LANGER ZEIT ...
FÜR NEUEINSTEIGER EHER UNGEEIGNET ...
FÜR NEUGIERIGE - DURCHHALTEN ODER MIT MABOOL STARTEN
Intensiv-Kurs:
Über die Musik und die Zutaten, habe ich eigentlich schon viel vorweggenommen.
Noch einmal: es gibt kaum ein Album, welches mich im letzten Jahr (die letzten Jahre ?) so bewegt,
so tief emotional berührt hat, wir der ORwarriOR.
Trotzdem die Warnung: VERSUCHT ERST GAR NICHT NACH EINMALIGEM HÖREN ZU URTEILEN!
Dieses Album wächst definitiv immer weiter und irgendwann hat es EUCH - weniger an den Eiern,
dafür um so stärker an der Seele.
Ja - es ist lang, aber in Ruhe unterm Kopfhörer, am besten natürlich in einsamen Nachtstunden, entwickelt sich vor Eurem inneren Auge ein Land voller farbiger Melodiebögen,
verzweifelter Kämpfe und der tiefempfundenen Hoffnung.
Deswegen möchte ich versuchen, Euch irgendwie den "Flow" des Albums rüberbringen.
الارهابيين الضوء Terrorists Of Light מחבלים של
אור
Teil 1: "An ORphan's Life"
"Sapari" - die Eröffnungsnummer beginnt mit einem Ätherrauschen im Radio und leise gesungenem Hauptthema von SHLOMIT LEVI, bevor die Band mit
ersten Riffs und dem, nun mit männlichem Gesang, Haupthema weitermacht. Die Harmonien klingen orientalisch, sind verschlungen,
erste folkloristische Instrumente kommen zum Einsatz.
SHLOMIT klingt in etwa nach ANNEKE VAN GIERSBERGEN (ehemals THE GATHERING).
Dann Break, geniale Bridge - erste erhabene Melodiebögen und Chorgesang durch SHLOMIT führen den Song zu einem treibenden Part, und immer wieder werden die Refrainzeilen des Songs zelebriert.
Eine eingängige (wahrscheinlich die eingängigste) Nummer des Albums.
Ein flotter, stark folkloristischer Song, der von einem prägnanten Violinenthema lebt.
Hier klingt vieles noch vertraut, der Weg von MABOOL zu ORwarriOR scheint sich erst nur
durch die geniale Produktion von STEVEN WILSON auszudrücken.
Doch bereits mit Song No. 2 "From broken vessels" verlassen wir dieses Terrain.
Die Band startet so richtig progressiv durch, härtere Gitarren, als auf MABOOL,
tiefe Growls im Wechsel mit einer göttlichen Harmonie.
Viele Breaks, interessantes Riffing, OPETH'sche Raffinesse und Tiefe, Komplexität, spannungsgeladener Aufbau, edle Soloteile, Spoken Word
Einlage, auf edel akzentuiertem Spiel - schwer beeindruckt ich bin. Percussion Rhythmik (es wurden auf diesem Album ca. 20 verschiedene Percussion Instrumente benutzt), dann wieder treibender
Rhythmus und Growl-Einlage - der Nährboden ist bereitet.
Das Tempo und die Härte verschwinden, ein ruhiger Akustik-Gitarren Aufbau,
sphärische Keyboard-Untermalung und folkloristische Gitarren-Instrumente bilden das Gerüst,
auf dem sich KOBI FARHI bewegt. Eindringlich, unterstützt von Chorgesängen und Flöten entsteht ein Bild eines fernöstlichen, melancholischen Songs - "Bereft in the abyss".
Und ruhig geht es weiter "The Path, Pt. 1" - meine Güte, es geht abwärts
- mit meiner noch vorhandenen Coolness, mit meiner mühsam aufrecht erhaltenen Beherrschung.
WAS FÜR EIN SONG - dieses Lied kann einfach alles.
Es zaubert eine GOTTMELODIE in schwelende Härte, die progressiven Gitarrenspuren erinnern einmal mehr an OPETH, und irgendwie auch wieder an alte FATES WARNING.
Das gesamte Arsenal an folkloristischen Instrumenten schafft eine dermaßen einzigartige Atmosphäre
- es ist unglaublich. Unterstützt wird die Band darüber hinaus ja auch
vom NAZARETH ARABIAN ORCHESTRA, ein voller Sound ist das Ergebnis.
Aber dieses melodische Leitmotiv des Songs, am Ende erst wieder in den Metal Song eingeflochten, dann akustisch weitergeführt, fragt mich nicht auf welchen Instrumenten, aber es ist
sehnsuchtsvoll,
zerreißt einem die Seele, lässt einen aufgewühlt zurück - emotional nackt und bloß.
Danach hat es SHLOMIT ganz leicht - bei "The Path, Pt. 2" stimmt sie vor prasselndem Lagerfeuer
mit einer solo gesungenen kleinen Melodie ein. Ruhe - Aufatmen - Warten.
Dann wird wieder mit diesen fein, progressiven Gitarrenspuren übernommen.
Eine Spur von Epik in den Harmonien ist zu vernehmen, immer weiter wird in den sich auftuenden musikalischen Strudel gezogen - Wiederstand ist so ziemlich zwecklos, wie bedeutungslos.
Mit "Olat ha'tamid" endet der erste Teil der Scheibe.
Ein Text aus dem 11. Jahrhundert, zuerst nur durch einen Männerchor folkloristisch umgesetzt,
später dann mit fetten Gitarren und Percussion weitergeführt.
Trotzdem steht die orientalische Melodie im Vordergrund.
Teil 2: "The WarriOR Awakens"
Ein wehmütiges Flötenspiel, dann voller Orchestersound, die tiefe Stimme von KOBI auf Violinen,
er intoniert wieder im gesprochenen Wort (hebräisch?), unheilvolle Stimmung,
bedrohliche Orchesterbegleitung, die ersten Textzeilen von "The warrior":
"You see it clearly now - You are the one, Your destiny - Your will be done ..."
- der ORwarriOR erkennt sein Sein.
noch mit diesem Orchester-Sound, dann Break - sehr kräftige, kurze Riffs.
Der Song geht plötzlich auf, wie ein gesamter Sonnenaufgang, die Refrainzeilen werden mit klarer Hauptstimme gesungen und im Hintergrund mit verschiedenen zweiten Gesangstimmen unterlegt.
Einmal nur dunkel angedeutet, einmal mit verschobener Tonhöhe - wenn man solch hochwertige Arrangements fertigt, überhaupt zu fertigen im Stande ist, hat man eine Reife,
wie maximal 10% der gesamten aktuellen Musiklandschaft.
Doch dann erst - ein in der Tiefe des musikalischen Raums angelegtes Zaubersolo, die Weiterführung des Themas mit Riff-Gitarre und Schlagzeug-Unterstützung
- und dann wieder die WARRIOR-MELODIE, und die jauchzende Gitarre
- WAS FÜR EIN UNGLAUBLICHES STATEMENT - EIN MOMENT FÜR DIE EWIGKEIT!
- welch unbegreifliche Musikalität.
"His leaf shall not wither" soll wohl ein Downer sein, ein ruhiges, balladeskes Stück, doch um mich ist es geschehen. Jede eingestreute Melodie formt mich
innerlich um, der zweistimmige Gesang von KOBI und SHLOMIT trifft jede meiner Empfindungen.
Die einfache Art des Songs, nur auf Gitarre aufgebaut, rührt mich an.
"Disciples of the sacred oath 2" kommt da gerade recht. Nach kurzem Beginn, übernimmt der Growl-Gesang das Kommando, zusammen mit den kräftigen Riffs wird
wieder Druck aufgebaut.
Immer wieder eingestreute melodische Gitarrenharmonien, abwechslungsreicher Gesang, nun mit Klarstimme und orientalischen Melodien durch das Orchester.
Dann plötzlich Rhythmus- und Tempo-Break, Flöten und Percussion übernehmen, weite Melodiebögen durch die Violinen, eine darüber schwebende, sehnsuchtsvolle Klage von Kobi, bevor er wieder mit
Sprechgesang in einen treibenderen Part überführt, die Gitarren sind fast im MAIDEN Stil, samt Twin Einlage, dann wieder Growls - der wohl
abgefahrenste und progressivste Song des Albums.
Meine Gefühlslage wieder im Griff, merke ich , wie ich mit neu gefundener Stärke den harten Riffs und der tiefen Stimme folge. Der Song ist recht treibend, wechselt jedoch dann immer wieder mit
harmonischen Spielereien ab, am Schluß wieder mit schönem ruhigen Solo veredelt.
Danach folgt der GATHERING-SONG.
Anneke, äh - meine SHLOMIT singt eine kleine balladeske, manchmal zweistimmige Einleitung -
"My Jerusalem" erstrahlt in goldenem Licht.
Percussion, die Melodieführung und die Stimmung erinnern dann auch an einen AYREON Song,
wären da nicht wieder die eingesetzten folkloristischen Instrumente und die orientalischen Harmonien.
Der Refrain dann von Kobi übernommen und wieder ein überaus passendes Solo.
Überhaupt - nach öfterer Einfuhr des Albums, muss hier einmal festgehalten werden, dass die Gitarren absolute Weltklasse sind - die Soli nie aufdringlich, eher hochmelodisch und dem jeweiligen
Song angepasst. Hier geht eindeutig Songdienlichkeit vor Griffbrett-Wixerei.
"Vayehi or" - ein, von einer im Hintergrund laufender langgezogener Gesangsmelodie, getragener Song. Dazu kommen recht sparsam eingesetzte Textzeilen mit tiefer Stimme. Kleine Keyboard
-Sounds, einfaches Riffing und straightes Drumming - eine Erholungsnummer.
Denn mit "M I ?" erfolgt der Abschluß des zweiten Teils der Trilogie.
Ein Rauschen, wie bei einer alten Vinyl-Scheibe, eröffnet mit auf alt getrimmtem Gesangs-Sound,
eine kleine Melodie durchbricht den Sound, PORCUPINE TREE lassen grüßen (Hello Mr. Wilson).
"Stare at the light - Eclipse the sun - Am I, Am I the chosen one ?"
und wieder diese Gitarre - ein unaufgeregtes, höchst melodisches Solo beschließt Teil 2.
Teil 3: "Enlightening The Cimmarian"
"Barakah" eröffnet das Abschluß-Triple.
Kräftige, fette Riffs, schweres Drumming - treibend, fordernd - tiefe, growlende Stimme.
Plötzlich eine spanische Gitarre, Flamenco-mäßige Klatsch-Geräusche im Hintergrund, dann erfolgt ein melodischer Chorus. Willkommen zurück im progressiven Sphärenhimmel - die verschiedensten
Instrumentierungen kommen wieder zum Zuge.
Orientalische Melodien en masse - und muss ich es erwähnen? - exzellente Solo-Gitarren-Arbeit.
Dann wieder OPETH'scher Druck, Stakkato Riffing, inkl. Percussion Elementen - ICH GEH
VERRÜCKT.
Doch jetzt schnallt Euch an, "CODEWORD:Uprising" bricht über uns zusammen, denn "Barakah" geht nahtlos in den zweiten
Song über.
Druck, Druck, Druck - Riffs, Riffs, Riffs. Der metallische Wahnsinn hat uns fest im Griff.
Der wohl härteste Abschnitt der Scheibe, immer wieder abwärts gerichtete Melodiebögen, auflockernde Breaks, schleppendes Drumming, aber schnelle Riffs.
Stimmlich eher im Death-Metal angesiedelt, wuchtet der Song schwere Riffs durchs Unterholz.
Danach erfolgt die Erlösung umso sehnlichster "In thy never ending way" führt uns noch einmal durch die epischsten Strukturen der Scheibe.
Ein Wettstreit der Stimmen, SHLOMIT und KOBI im choralen Duett, eine (ICH MUSS ES WIRKLICH NOCH EINMAL
HERVORHEBEN) supereingängige, hoch melodische, aber absolut passende Solo-Gitarre. Ein Refrain, der bewegt, folkloristische Einsprenksel, langsam einsetzende tiefe Stimme -
so tief, dass die Bauchdecke vibriert.
Erlösung scheint nahe, alle Fassung fällt von mir ab, als die Piano Melodie erklingt.
DIE PIANO MELODIE - ruhig, und so klar, im von sämtlichen Instrumenten befreiten Raum.
Ein wehender Wind im Background umwebt die erneut einsetzende Piano-Melodie, eine Background Männerstimme ertönt und KOBI singt mit seiner tiefen, ruhigen Stimme, die mich so
anrührt,
die Essenz des Albums - nicht mehr nur in mein Ohr - nein, direkt in meine Herz und die Seele der Welt:
"Go in peace, and find thy faith
Evolve thy self, and lose all hate
So a heaven you may create" ... ES IST VOLLBRACHT
FAZIT
Die Songs sind meist im Mid-Tempo gehalten,
brechen aber immer wieder in jedwede Richtung aus.
Hochmelodische Soli, Percussion-Abschnitte, akustische Sequenzen, das Einbringen der folkloristischen Instrumente, Sprechgesang, Harmoniegesang, Synthieteppiche als Untermalung - und dies
niemals zum Selbstzweck, sondern nur unterstützend.
Ein dermaßen punktgenaues, akzentuiertes Schlagzeugspiel,
ein Sänger der in verschiedensten Sprachen singt, haucht und growlt.
Hat man den Zugang, erkennt man die Tatsache, dass keine Note zu viel ist,
alles am richtigen Platz, jedes Detail zum GESAMTKUNSTWERK beiträgt.
Der Kontrast zwischen Komplexität und Eingängigkeit macht
„The Never Ending Way Of ORwarriOR” so besonders:
Man kann sich in tiefsinnigen Arrangements verlieren
oder aber genau so gut den eingängigen Melodien und hinreißenden Riffs folgen.
Das Ergebnis ist einfach eines der abwechslungsreichsten, atmosphärischsten Alben,
das die Welt je gesehen, gefühlt und gehört hat.
Ehrgeizig, exotisch, anspruchsvoll, beeindruckend, raffiniert, voll atemberaubender Schönheit
Webpage der Band
P.S.: Erwähnt werden muss unbedingt auch noch die Limitierte Auflage mit DVD.
Hier gibt es noch eine rund 1-stündige, sehr informative Dokumentation über die Band und die Entwicklung des Albums.
Obwohl wir alle an denselben Gott glauben, töten wir einander lächerlicherweise im „Namen Gottes”.
Ob Musik dies ändern kann, ist wohl naiv und lächerlich ... und doch schafft sie erste Annäherung.
Auf Konzerten der Band singen jüdische Fans auf Arabisch und muslimische Fans in Hebräisch, Freundschaften über tiefe Gräben wurden geschlossen, musikalischer und seelischer Raum für Begegnung
geschaffen.
Oder wie Kobi selbst über das Album denkt:
"Dies ist eine musikalische Reise der Hoffnung im Land des Krieges,
den Himmel auf Erden zu schaffen, den Bau eines neuen Jerusalem."
Geboren aus einer mentalen und seelischen Ohnmacht heraus, werden Hoffnung und Licht geschaffen, Hände gereicht.
In einer Welt, in der diese Musik noch nicht akzeptiert, der Freiraum der Seele verboten und Begegnung zwischen den Kulturen verhindert wird, tragen ORPHANED LAND eine neue
Qualität der Verständigung in dieses VERWAISTE, VERLASSENE LAND.
Ihre Musik reißt weltliche und geistliche Mauern ein, die Fan-Schar, die sich immer stärker um diese Band gruppiert, wächst und wächst - gegen religiöse, politische und kulturelle Grenzen.
Dort ist UNSERE Musik noch mit der Form der fortschreitenden gesellschaftlichen Rebellion vergleichbar, die wir hier - mit unserer inzwischen
integrierten (fast schon dem Mainstream angehörigen) Musik nicht mehr kennen.
ZUFLUCHT - VERGESSEN - HOFFNUNG
Die wohl wichtigste Scheibe für einen Großraum unserer Welt - ESSENTIELL und EXISTENZIELL.
DARKEN TOM