GAZPACHO - Stuttgart, Röhre 06-April 2009
Es gibt Konzerte, in die man mit großen Erwartungen geht, und manchmal ist es eine
Enttäuschung.
Es gibt Konzerte in die stolpert man durch „Zufall” und wird völlig überrascht.
Es gibt Konzerte da kommt man sehr glücklich und zufrieden nach Hause.
Seit gestern sind alle Attribute die ich kenne hinfällig, es gibt G A Z P A C H O !
Gut gelaunt treffen Bettina und ich in der Stuttgarter Röhre, die wohl nie einen
Schönheitspreis gewinnen wird, aber einzigartiges Flair verbreitet, ein.
An der unproblematischen Security vorbei führt unser Weg zum Merchandising-Stand,
klar daß man sich zur neuen Tour auch mit einem T-Shirt eindecken möchte.
Ich werde von der englischsprachigen Bedienung (sofort und für mich völlig unerwartet)
auf mein Sylvan-Sweatshirt angesprochen. Sylvan sind angeblich Freunde oder gute
Bekannte von ihr und ihrem Mann (meine Sprachkenntnisse sind ja eher bescheiden).
Schließlich kommt heraus, daß vor uns die Frau von Mick Pointer steht. Wir outen uns als
Arena-Fans und geben ein paar Anekdoten zum Besten. Dann tauschen wir uns über das
kommende Loreleyfestival aus, besprechen noch das neue Pendragon-Album, wobei ich
mich das erste Mal im Leben um korrekte Aussprache bemühe (Pändräggn). Um ein paar
Euro leichter, aber mit schönen T-Shirts landen wir etwas später an der Bar. Leider habe
ich mir dieses Jahr ein Fasten verordnet und eine Woche vorher will ich nicht aufgeben
(ICH DEPP !!!).
Gegen 20 Uhr zähle ich 30 Leute und ich muss das Schlimmste für die Band befürchten.
Im Laufe der nächsten 10 Minuten kommen noch 20 dazu und das ist das letzte Mal an
diesem Abend, daß ich mit unserer Zeitrechnung in Berührung komme.
Gazpacho betreten die Bühne, ein kurzes „Guten Abend” und wir spielen „Tick Tock”.
Mit dem ersten Ton scheinen Zeit und Raum zu verschmelzen. Für mich unerwartet,
beginnt die Band nicht mit dem Opener ihres Albums. Tick Tock Part 1-3 kriecht in unsere
Gehörgänge. Die Band wirkt sehr konzentriert, fast nur auf Ihre Musik fokussiert.
Hypnotisiert stehe ich an der Bühne.
In Magie gegossene Musik schießt mich in eine andere Dimension und obwohl ich das
Album seit ein paar Tagen besitze, scheine ich zum ersten Mal ihre unglaubliche
Schönheit zu begreifen.
Als der letzte Akkord verklungen ist bleibt eine Stille und dann bricht unglaublicher Beifall
und Jubel seinen Bann. Aus 50 Konzertbesuchern werden gefühlte
Untermalt wird die Musik von dezent eingespielten Videoschnipseln und Bildern, welche
aber nie in den Vordergrund rücken, sondern nur schmückendes Beiwerk sind
(bei „Dream of Stone” sieht man z.B. Marylin Monroe oder bei „Walk” Teile aus russischen
Stummfilmen- ziemlich genial). Musiker und Publikum scheinen mit jedem Titel immer
mehr zu verschmelzen und als „Dream of Stone” gespielt wird fange ich an, Einsteins
Relativitätstheorie zu begreifen.
Robert R. Johansen gibt souverän der Band den Takt vor. Das Schlagzeug scheint nach
gefühlvollen Einlagen regelrecht um Schläge zu betteln, und wird belohnt.
Bei Jan-Hendrik Ohme hat man das Gefühl eine Stimme hat sich einen Körper
ausgesucht, so tragend und präsent über mehrere Stimmlagen dabei immer klar und
sauber, aber sich nie in den Vordergrund drängend immer nur als Teil des gesamten Puzzels.
Was Kristian Torp auf seinem Bass zaubert ist aller Ehren wert und erinnert mich teilweise
an Pete Trewavas zu besten Transatlantic-Zeiten.
Jon-Arne Vilbo spielt sich an diesem Abend in meine Top 5 der Lieblingsgitarristen.
Thomas Andersen trägt die Band auf seinen Keyboards durch alle Stimmungslagen und
Mikael Kromer setzt mit seiner Violine / Mandoline immer wieder besondere Akzente.
Als ich kurz die Augen öffne wiegt sich das Publikum mit geschlossenen Augen im Takt der
Musik und ich begreife mich als Teil eines besonderen Abends.
Die Pause vor der ersten Zugabe ist eigentlich gar keine, so schnell habe ich noch keine
Band wieder auf den Brettern gesehen. Und jetzt wird noch mal schweres Geschütz
aufgefahren. Wir lachen, wir tanzen, wir bangen. Mein ganzer Körper ist so erfüllt von
Glücksgefühl, daß ich noch Stunden später das Gefühl habe zu platzen. Gazpacho haben
jegliche Scheu abgelegt und bei der letzten Zugabe hüpft und tanzt die Band wie
ausgelassene kleine Jungs im Sandkasten.
Den letzen Applaus des Abends genießend bedankt sich die Band mit den Worten
„We see you by the Bar”.
Danke Jungs, für mich ist jetzt „Winter ist never” und ich freue mich darauf Euch bei
Night of the Prog auf der Loreley wieder zu sehen.
Nachtrag
Nach einer unruhigen Nacht wachte ich heute morgen mit einem verkaterten Kopf auf.
Das erste was ich höre ist Musik in meinem Kopf, wie ein Echo und immer wieder Tick Tock,
Tick Tock. Meinen Kollegen auf der Arbeit bin ich bestimmt ziemlich auf den Sack gegangen
mit meiner guten Laune. Ich gehe jetzt in den Keller, ich muss die Zeitmaschine bauen, ich
will wieder zurück !
DARKEN HARTMUT
