SPOCK'S BEARD

 

 

Spock's Beard - Day For Night  1999

 

 

Geschichte
Aus der Gegend von Los Angeles (Kalifornien) stammend, gründet sich die Band 1992.
Bei der Namensfindung bedient man sich einer Folge der Star Trekk Serie - "Mirror, Mirror".

Es ist eine Parallelwelt-Folge in der Mr. Spock mit Bart zu sehen ist.
An einem, für die beiden Brüder Neal und Alan Morse seltsamen Abend, soll Alan (Gitarre) zu Neal (Gesang und Keyboards) gesagt haben" ... es ist so, als hätte Spock einen Bart" - der Name ward gefunden. Gemeinsam mit Nick (Schlagzeug) wird die Band gegründet.

Man finanziert sich selbst - die ersten Aufnahmen werden in Umlauf gebracht und erwecken das Interesse von Dave (Bass), der ab sofort (1993) mit bei den Bärten musiziert.
So spielt man das erste Album "The Light" 1995 ein, 4 lange Stücke im Umfeld alter Yes und Genesis Großtaten, jedoch auch da schon mit eigenen Zutaten.
Ryu (Mellotron, Keyboards) wird engagiert, ein kleiner quirliger Ausnahmekönner an den Tasten, die Band ist komplett.

Nachdem man im Jahre 1996 das Album "Beware Of Darkness" hinterhergeschoben hat, begibt man sich erstmals auch über den Großen Teich, um auf dem alten Kontinent zu touren.
Man ist vielen Stilen gegenüber offen, erspielt sich den Ruf einer hervorragenden Live Band - mit den Folgen, dass Nick zunächst mit TEARS FOR FEARS auf Tour geht und danach von GENESIS gebeten wird, am Album "Calling All Stations" mitzuarbeiten, nachdem man im Mai 1997 das ProgFest in L.A. als Headliner absolvierte. So erspielt man sich weltweit eine treue Anhängerschaft.

Live Dokumente erblicken das Licht der Welt, eine weitere Studio Scheibe wird 1998 kurzfristig nachgeschoben - "The Kindness Of Strangers".
Hier erfolgt bereits die Befreiung aus dem Corsett der "Alten" Prog Helden - für viele eine ihrer besten Alben.

Neal kann hier seinen hohen kreativen Output bereits nicht mehr komplett kanalisieren, er bringt folgerichtig seine erste Solo Scheibe, schlicht "Neal Morse" betitelt, heraus und gründet, zusammen mit Mike Portnoy (Dream Theater), die Band TRANSATLANTIC.


Doch auch das neue Spocks Beard Album "Day For Night" erscheint 1999. Man öffnete sich anderen Stilen und entstaubte den bisherigen Prog. Kritiker halten dieser CD vor, sie wäre zu weit entfernt von den Wurzeln - für manche gerade deswegen das Meisterwerk des Schaffens mit Neal Morse.

Denn danach erscheinen im Jahre 2000 "V" und 2002 "Snow" - ein Doppel-Konzeptalbum, um Aufstieg und Fall eines Gedanken lesenden Messias, zwei weitere erstklassige Scheiben, welche jedoch für mich nicht mehr ganz den kreativen Output in sich tragen, wie das Werk von 1999.

Im Winter 2002 dann der Take That-Todesstoß für anspruchsvolle Musikhörer -

Neal Morse verlässt die Band - aus religiösen Gründen.

Da er der absolute Hauptsongwriter war, glauben viele an ein Ende der Band. Die wiederum überrascht alle mit einem recht schnell herausgebrachten neuen Album, gibt sich von nun an moderner und rockiger, während Neal inzwischen eher das musikalische Konzept der alten Spock's Beard in seinen Alben trägt.


So trennten sich die Wege der beiden Brüder Neal und Alan - eine Story mit (fast) wahrhaft biblischen Ausmaßen.

Hier nun eine Ihrer Großtaten - und für mich der beste Output Ihrer gemeinsamen, eigentlich recht kurzen Karriere.

Tracklist
1.     Day For Night  7:34
2.     Gibberish  4:18
3.     Skin     3:58
4.     The Distance To The Sun  5:11
5.     Crack The Big Sky  9:59
6.     The Gypsy  7:28
7.     Can't Get It Wrong  4:12

The Healing Colors Of Sound, in 6 Teilen:
8.     The Healing Colors Of Sound pt. 1  2:22
9.     My Shoes  4:16
10.   Mommy Comes Back  4:50
11.   Lay It Down  3:18
12.   The Healing Colors Of Sound pt. 2  3:17
13.   My Shoes (Revisited)  3:54

14.   Urban Noise  0:40
15.   Hurt   (bonus track)  3:09
                               Gesamtlaufzeit    68:26

Wissenswertes

Einordnung
RetroProg, Rock

Tendenzen
Spielfreude und Spielwitz in der weiten Welt des (Retro-) Prog / Rock

Ausufernde Kompositionen und Balladen
Eine weiche, abwechslungsreiche Stimme - großartige Musiker


Anspiel-Tipps
Healing Colors Of Sound, Day For Night
   
Label   
Inside/Out

Besetzung
Neal Morse         Lead Vocals, Piano, Synths, Acoustic Guitar
Alan Morse         Guitars, Mellotron, Vocals
Dave Meros        Bass, Vocals
Ryo Okumoto     Mellotron, Hammond Organ
Nick D'Virgilio     Drums, Percussion, Vocals

Gastmusiker
John Garr         Saxophon auf "Crack The Big Sky"
Joy Worland      French Horn bei "Healing Colors" und "Can't Get It Wrong"
Byron House     String Bass bei "Gibberish" und "Can't Get It Wrong"
Eric Benton, Tom Tally, John Hrovoza     String Section auf "Healing Colors Pt. I"

Eindruck
Lebensbejahende Musik - Wärme und Gefühl.
Dies sind für mich immer die Grundstrukturen des SB Sounds gewesen.
Dazu kommt ein spielerisches Verständnis, welches vielen anderen Bands abgeht.
Kompositionen, die sich in große Höhen zu schrauben vermögen, sich wieder zurücknehmen, neue Wege aufzeigen, neue Strukturen annehmen, nur um am Schluß noch höher zu steigen,

einen Ausblick auf Schönheit und Erhabenheit gewähren.

Getragen von der einzigartig warmen, abwechslungsreiche Stimme Neals, Chor- und Satzgesängen der alten (Gentle Giant) Progschule, einem zwischen Genie und Wahnsinn (hauptsächlich menschlich) pendelnden Gitarristen, der immer wieder diese Abfahrten in der Instrumentierung anführt, sich mit den Keyboards duelliert, rockt, jubiliert, soliert und damit wieder und wieder Ausrufezeichen setzt, in ausufernden Kompositionen.


Eine Rhythmusarbeit, mit einem Schlagzeuger, der nicht sich hervorhebt, sondern die Songs, virtuos akzentuiert, unterstreicht, spannungsgeladen spielt.
Im Bassbereich ein Mitspieler, eher sparsam angesetzt, aber immer präsent, eigene Akzente in den ruhigeren Passagen setzend.
Und dann der abgefahrene Ryo - Soundexperimentator, zusammen mit Neal, welcher sich sowieso auf fast allen Instrumenten austobt.
Ryo gibt dem Sound das gewisse Etwas - sphärische Teppiche, auf denen die anderen dann den Song ausufern lassen. Oder einfach Soundcollagen, welche die Songs abrunden.

Und dann stehen da die Songs selbst.

"Day For Night"
Ein kleines Lehrstück modernen, rockigen Progs - incl. congenialer Gitarren-Keyboard Angriffen auf den Zuhörer. Dicht und packend, spielfreudig. Hochmelodischer Refrain - ein Klassiker.

"Gibberish"
Ein Stück "alten" Progs (vierstimmige Satzgesänge), reduzierte Instrumentierung. Vielfältige Nummer, mit fast schon experimentalem Sound.

"Skin"
Eher eine rockige Nummer, nahe am Mainstream, doch mit Power vorgetragen.

"The Distance To The Sun"
Eine simple Akustikgitarre - wunderschöne Vocals, die Leichtigkeit des amerikanischen Songwritings schafft Gänsehaut. Ein weiteres magisches Highlight.

"Crack The Big Sky"
Der zweite Longtrack des Albums - mit Jazzelementen angereichert (Saxophon, Bläser im Mittelteil),
erneut ein ungeheuer melodiöser Neal Morse, ein ausgezeichnetes Drumming, Hammond Orgel und Mellotron. Dann schöner Chorgesang, große Abschlussmelodie.

"The Gypsy"
Langsamer, entspannter Beginn - relaxt.
Dann pumpender Rhythmus, schräge Akkorde - genialer Basssound.

Krachige Gitarren, vertrackte Strukturen.
Ehe dann der Song, im instrumentalen Mittelteil, in Breaks und Tempowechseln die Fähigkeiten der Musiker aufzeigt.
Zum Abschluss dann nur noch eine einfache, auf Akustikgitarre aufgebaute, Strophe - dem Thema entsprechend - als wären wir an einem imaginären Lagerfeuer.

"Can't Get It Wrong"
Eigentlich eine ganz einfache Ballade. Fast schon zuckersüss-kitschig.
Und doch lohnt das Zuhören - ist es doch einer der besten Texte Neals.
Die Empfindung missverstanden zu werden, obwohl es doch einfach sein sollte sich in andere zu versetzen - Dinge durch ihre Augen zu betrachten.

"The Healing Colors Of Sound"
Nun folgt endlich der Song, dem ich verfallen war und bin.

22 Minuten - voller Spielfreude, voller Ideen, voller Gefühl.
Unterteilt in 6 Abschnitte wird hier die Spielwiese der Bärte ausgebreitet.


Phantastische Leads - herausragende Musikalität - ausuferndes Komponieren und abgedrehte Sound-Ideen. Es darf gefrickelt werden - viele Song-Teile werden einem dargeboten,
diese phantastischen Textzeilen in LAY IT DOWN, die positive Stimmung der Parts HEALING COLORS OF SOUND II, diese Melodie, dieser Refrain, dieser mehrstimmige Satzgesang.
Bevor am Ende mit Orchester-Unterstützung, diese einmalige Spocks Beard Auflösung des Songs uns in die Knie zwingt.


Unfassbare Stimmung - eine Gitarre, welche ihre Melodien aus der EWIGKEIT selbst zu ziehen scheint, aus einem Raum, den wohl den meisten Musikern verschlossen bleibt,
uns peinigt mit Genialität, nicht mehr aus den Boxen, sondern aus mir selbst erklingt, unaufhörlich, nie enden wollende Erhabenheit.

Dies wurde für mich einfach zum Synonym für dieses Seelen-bewegende Element, welches der Musik innewohnen kann. Für ihre heilende Kraft und ihre vielfältigen Farben.

Kleiner Einschub:
Aus Überzeugung und natürlich aus Eigennutz bot sich am 24-10-2000 die Gelegenheit ein Konzert der Bärte zu besuchen.
Wir waren in Zeeland/ Holland mit Freunden für eine Woche in einem Feriendorf am Meer.
Die Seele baumelte - das leichte Leben war bei uns zu Gast.
Da unsere beiden Freunde die Band nicht kannten, war schnell entschlossen worden, kurzfristig nach Tilburg zu fahren, um zu missionieren.

Die Halle ward gefunden, ein Parkplatz hinter der Halle im Parkhaus erobert.
Wir hatten noch eine Menge Zeit und standen bei unserem Auto - alleine - und schauten etwas erhöht, in den Hinterhof des Clubs, welcher nicht vor Blicken gesichert war.

Während wir uns unterhielten, ging plötzlich der Eingang des Hinterhofes auf und Neal, Alan und Ryo betraten den Durchgang zum Club.
Neal und Alan wanderten bereits in die Dunkelheit des inneren Bereiches, als ich versuchte mit Ryo ins Gesprächs zu kommen. Ein paar Sätze konnte ich mit ihm wechseln, bevor er sich in den Club begab, um sich aufzuwärmen. Auf meine Frage, ob auf dieser Tour auch noch "The Healing Colors Of Sound" gespielt würde, eventuell in Auszügen, wurde nur kryptisch gelächelt.

Was soll ich sagen - es war ein einmaliges Erlebnis, incl. eines (zumindest) angetrunkenen Alan, dessen Spiel trotzdem fantastisch war. Einem absolut souveränen, aufgedrehten Mengen Dompteurs - Neal, der alle Facetten seines Spiels und seiner Stimme zeigte. Eines auf dem Keyboard turnenden Ryos, der am Schluss eines Tracks (leider, weiss ich nicht mehr, welcher), mit seinen Keyboards zusammen umstürzte und darunter begraben einfach bis zum Ende des Songs weiterspielte.

Und als dann tatsächlich "The Healing Colors Of Sound" zum Ende des Sets gespielt wurde, meinte ich den suchenden Blick Ryos in die Menge zu sehen - Einbildung oder nicht, dies war für Immer.

Der Abend endete im Foyer, wo die Band sich noch viel Zeit für die Fans nahm, Autogramme schrieb, Fragen beantwortete, einfach dabei war, bei UNS.
Petra und Miguel - dies ist für Euch, als bleibende Erinnerung, als besonderes Erlebnis und auch als Dank für die schöne Zeit.


Hier endet das reguläre Album, während auf der Lim.Edt. noch ein Bonussong draufgepackt wurde.
Eine schlichte, wuchtige Rocknummer - "Hurt".
Und doch zeugt sie für den Spass der Band - und für die vielen Facetten von SPOCKS BEARD.

 

FAZIT:  SPASS AN DER MUSIK IST HIER HÖRBAR

            AN DER SCHWELLE ZUR ERNEUERUNG DES RETROPROG

            MUSIKALITÄT OHNE GRENZEN

 

Spock's Beard im Netz

 

Neal Morse im Netz

 

Empfehlenswerte Deutsche Neal Morse Community

 

DARKEN TOM

 

Einfach mal genau zuhören, und spätestens zum Abschluss, die Seele baumeln lassen.

Große Gefühle, Großartige Musiker    ... BIS ZUM NÄCHSTEN MAL.