FATES WARNING
FATES WARNING – AWAKEN THE GUARDIAN 1986
Das leise Prasseln des Feuers hält mich wach. Fast schon heruntergebrannt, glimmt die Glut in der Nacht.
Nur noch ein kleiner Lichtkreis in der undurchdringlichen Dunkelheit.
Doch die Wärme des Feuers erreicht mich nicht – ein klammer Hauch liegt auf diesem Tal.
Meinen Mantel fest umklammernd, liege ich wach, bangend dem Morgen entgegen sehnend.
Ab und an knacken ein paar trockene Äste in den ersterbenden Flammen.
Ein willkommener Laut, in einer ansonsten ruhigen und stillen Nacht. Kein weiterer Laut ist zu hören. Kein Atmen, kein Rascheln, kein Flügelschlag - nicht einmal das leise Säuseln des Windes - die
Welt ist verstummt.
Unheimlich ist es hier. Die Finsternis erscheint undurchdringlicher als sonst.
Es ist die Zeit vor der Dämmerung, die Zeit in der die Dunkelheit am Schwärzesten ist. Sie gebiert Schatten, schwärzer als die Nacht. Meine Gedanken drehen sich immer wieder um die Frage, was sich in
diesen Schatten wohl verbergen mag.
Der Nachthimmel ist unnatürlich klar und kalt. Das Sternenlicht funkelt in kühlem, silbernem Licht, welches jedoch die Schatten nicht zu vertreiben vermag. Die Kälte breitet sich aus, raubt die
letzte Ahnung von Wärme – nicht nur jenseits des Feuers Schein, nein, auch tief in meinem Innern.
Alleine, scheine ich diesem, das Leben negierendem, Nichts entgegentreten zu müssen.
Es ist die Zeit in der wir unsere Hoffnung verlieren, die Zeit in der unsere schlimmsten Alpträume real zu werden drohen. Längst vergessen geglaubte Kindermärchen komme mir ungerufen in den Sinn.
Eine Zeit von Mythen und Legenden entsteht aufs Neue, drängt am Rande der Wirklichkeit.
Das Wissen, ob ich noch wach bin, oder schon träume, ist verloren – entschwebt im Dunkel der Nacht.
Ich sehne mich verzweifelt zurück – in den Leib der Mutter, die mich dereinst gebar.
Zurück in eine Welt des Vergessens – eine Dunkelheit, welche behütet, nicht bedroht.
Doch da vernehme ich aus der fernen Ebene eine leise, eigenartige Stimme. Ein Zauber, verwoben mit Macht und Wissen, erfüllt den vorher kalten und leeren Raum, gibt mir die Gewissheit, nicht alleine
zu sein. Der Klang der Worte erfüllt das Nichts, zwar weit jenseits meines Verstehens, und doch Bindeglied zum Leben. In der ihr innewohnenden Macht liegt erahnbar Wahrheit und Trost –
„I search alone, dark the night, deep the blackest forest, down the devil’s hopyard
on my way from Salem I lit a fire, magical brimstone sparks ashes from the hazel wood
dancing with the banshee, fire rose up to the sky.”
So die ersten Textzeilen aus diesem Jahrhundertwerk.
DER WÄCHTER IST ERWACHT
Geschichte
Die Band wird 1982 aus der Taufe gehoben und stammt ursprünglich aus Connecticut – USA.
Noch unter dem Namen MISFITS gegründet, beschließt man sich in FATES WARNING umzubenennen, um der Verwechslung mit der
gleichnamigen Band von Glen Danzig aus dem Wege zu gehen.
War ihr erstes Album - „Night on bröcken" von 1984 – noch geprägt von der europäischen Leitkultur; hier schimmern Bands, wie Iron Maiden immer wieder durch;
so fand man bereits auf dem Nachfolger – „The spectre within" von 1985 – epischere Strukturen und eine Eigenwilligkeit im Songwriting, die sich
von den Idealen des alten Kontinents löste.
Und doch, obwohl selbst diese Scheibe bereits nahezu sämtliche Trademarks des Nachfolger besitzt, ist es erst die 1986 veröffentlichte „Awaken the guardian", die
heute als (Mit-) Begründer des Progressive Metal gilt. Interessanterweise hatte diese Veröffentlichung damals noch nicht diesen Stellenwert. Zwar als hochklassiges Album gepriesen, genießt dieses
Werk erst später den Ruf eines absoluten Kultalbums.
Diese Band, der es nie vergönnt war großen kommerziellen Erfolg zu erlangen - und in diesem Falle wahrscheinlich auch gut so, hat so viele „Klassiker" veröffentlicht – No Exit 1988 oder A Pleasant Shade Of Grey 1997
und weitere überragende Alben – Perfect Symmetry 1989, Parallels 1991 und Disconnected
2000 etc., das Sie innerhalb der Szene einen Ruf genießt, wie kaum eine andere Band.
Immer wieder mit aussergewöhnlichen Musikern gesegnet, ist es heute jedoch nur noch Jim Matheos, welcher von der Originalbesetzung übrig ist.
Am Bass steht heute Joey Vera, einer der bekanntesten und besten Tieftöner der Szene (u.a. Armored Saint). An den Keyboard meist eine
weitere illustre Persönlichkeit - Kevin Moore (ehemals Dream Theater). Und als Sänger wurde mit Ray Alder ein weiterer
Ausnahmekünstler gefunden.
Und doch war es John Arch, welcher die Band damals in eine Sphäre hob, der keine andere Band des Genres auch nur ansatzweise folgen konnte. Nach diesem Album
verließ er jedoch die Band. Seit 1988 wurde mit Ray Alder, wie bereits erwähnt, ein weiterer aussergewöhnlicher Sänger gefunden, obwohl er nicht mehr die Alleinstellung eines John Arch
erreicht.
Auch die Musik der Band änderte sich mit Hinzunahme des neuen Sängers - weg vom metallastigen, schwereren, breakverliebten Sound der 80er, hin zu immer dichter werdendem, eingängigerem,
atmosphärischen Progressive Metal.
Perfekt arrangiert, ausbalanciert und emotional tiefer als der Großteil der Szene. So wurde man damals, wie heute zum Vorreiter und Leitbild einer ganzen Musikrichtung.
Beide Stile (Sänger) der Band haben ihre Die-Hard Fans, trotzdem haben sich Fates Warning nie mit Anfeindungen dieser auseinander setzten müssen, zu gewaltig ihr Schaffen, zu großartig die Musik -
jeder Epoche.
2003 veröffentlichte unerwartet John Arch noch einmal ein Lehrstück dieser Musik "A Twist Of Fate" (unterstützt übrigens von Jim Matheos)- eine 30 Minuten EP,
bestehend aus zwei überlangen Songs, fast so grandios wie seine eigene Vergangenheit, aber eben nur fast.
Deshalb hier nun also das frühe, absolut monumentale EPOS einer Band, welches wohl für immer unerreicht und einsam an der Spitze dieser Form des
Progressive Metal stehen wird. ZU RECHT.
Tracklist
1. The Sorceress 5,44
2. Valley Of The Dolls 5,23
3. Fata Morgana 5,25
4. Guardian 7,34
5. Prelude To Ruin 7,23
6. Giant’s Lore (Heart Of Winter) 6,00
7. Time Long Past 1,50
8. Exodus 8,32
Gesamtspielzeit 47,51 min
Wissenswertes
Einordnung
Progressive Metal
Tendenzen
Schwere Heavy Metal Riffs treffen auf Breaks, Emotion und Atmosphäre,
dazu der einzigartige, nicht zu kopierende Gesangsstil.
Wird als die Initialzündung des Progressiven Metals angesehen
Anspiel-Tipps
Prelude To Ruin, Guardian, Fata Morgana, Exodus
Label
MetalBlade Records
Die Band
John Arch Gesang
Jim Matheos Gitarre
Frank Aresti Gitarre
Joe DiBiase Bass
Steve Zimmermann Schlagzeug
Eindruck
Eine leise melancholische Melodie erzeugt Spannung, ehe Heavy Riffing überleitet in die Welt von Fates Warning "Awaken The Guardian" und damit unweigerlich in die Welt des John Arch.
Gesangmelodien, wie man sie so noch nicht vernommen hat. Kaum nachzusingen - verwirrende Melodiebögen - eigentümlich - mystisch. Und hoch singt er, sirenenhaft, mit spitzen Schreien. Einfach
unnachahmlich. Wer Ihn nicht mag - der mag auch dieses Album nicht.
Zu dominant ist seine Gabe schier uferlose Harmonien zu erfinden, welche nicht gängigen Schemata entsprechen, oft ohne Halt in den Songs stehen und nur selten erdend sind.
Orientalische Färbungen weisen diese Harmonien immer wieder aus, und führen dann erhaben zum Ziel, wann man es schon nicht mehr erwartet.
Sie erzählen von einer archaischen Zeit, dem ewigen Kampf GUT GEGEN BÖSE, verpackt in Texten voller Fantasy, voller Andeutungen, voller Stimmungen und Bilder.
Zutiefst außergewöhnlich UND betörend, erzählt er von fremden Welten, fremden Geschichten - wie sie genial auf dem von Ioannis (Grieche - u.a. auch für Styx, King Crimson, UFO etc.) gemalten Cover umgesetzt wurden.
Textauszug - Prelude To Ruin:
" Time Time Time - an imaginery line - mine not yours, nor yours mine
they lead the blind back to mother's womb - tomb of the unborn child
coming events cast their shadows - before wintery wind the eye of the storm -
witness the past the future holds more - prelude to ruin"
Jeder, ich meine JEDER der 8 Songs atmet die Weite, den Raum freier Kompositionen - hier werden übliche Schemata, bestehend aus Strophe und
Refrain aufgebrochen.
Komplexität und technischer Anspruch treffen auf majestätische Harmonien, schwer verzerrte Gitarren, verspielte Melodiebögen - erzeugen Bombast (ohne Keyboard!).
Und immer wieder diese Gesangslinien, die den Songs den Status von Unikaten geben.
Hört das Ende von "Fata Morgana", hört den Beginn von "Guardian" oder "Prelude to
Ruin".
Hier wird mit einem Zauber gewoben, welcher wirklich aus einer anderen Dimension zu kommen scheint.
Übergänge sind oft fliessend, ein stetiger Wechsel zwischen Härte, Harmonie, Akkustikeinlagen und immer wieder diese einzigartigen Harmonien.
Eine Verträumtheit - eine tiefe Emotionalität, gequälte Schönheit, traurige Hoffnung.
Wer sich auf die Musik einzulassen versteht, kann die fantastischen Welten sehen, die John Arch mit verschlüsselten Worten malt und die das Plattencover sehr schön umsetzt.
Textauszug - The Guardian:
"I'm a fire without a flame - helpless child without a name - with broken wings - help me I'm falling
I'm a question with no answer - who are you that takes my life away from me - unveil the bondaries of the black.
I had a dream, I was you - strong as the fire in your veins
then when I called out your name - I would remain and witness the pain
I am beyond silent black - I will be back - as your GUARDIAN"
"Guardian" - ist es eines der ergreifensten Stücke in der weiten Welt der harten Musik?
Eine unnachahmlich zerbrechliche Akustik Gitarren Harmonie führt uns in eine Welt jenseits des Seins. Wie überhaupt die Gitarren immer wieder melodische, akustische, atmosphärische, melancholische
Tupfer zaubern. Arch singt von Trauer und Tod, Engeln und Hoffnung.
Nicht kitschig oder platt, sondern erhaben - und traurig, wehmütig, nimmt uns mit auf eine Reise in die Vergänglichkeit.
In diesen musikalischen Gemälden findet man Sehnsucht genauso wieder wie Poesie.
Bei "Giant's Lore (Heart Of Winter)" handelt es sich dann gar um die Umsetzung einer Kurzgeschichte von Oscar Wilde (The Selfish Giant).
Freunde - dies alles ist für den "Normalo" schwer zugänglich, ich weiß. Trotzdem einen Versuch wert.
Mehrmaliges Antesten sollte zumindest Pflicht sein. Solltet Ihr den Einstieg in dieses Meisterwerk der Vergangenheit aber doch schaffen, so werdet Ihr belohnt. Mit einer musikalischen Erfahrung
voller Zauber und Magie. Einem Monument und Statement gegen Plattheit und für die Phantasie.
Für alle Freunde der härteren Musik sollte dies sowieso Pflicht sein, denn wer diese Album noch nicht kennen sollte, hat mit Sicherheit eine wichtige Lücke in seiner Sammlung, die es gilt zu
füllen.
Interessante Begebenheit am Rande:
Bei einem Konzert 1986 stand im Publikum ein selbstbewußter Mensch, der Jim Matheos ein Demo seiner damaligen Band "Majesty" in die Hand drückte. Anfang einer
Freundschaft, die bis heute andauert. Aussage des selbstbewußten Mannes: "Als ich Fates Warning damals hörte, war mir klar, wie meine eigene Band zu klingen hatte..."
Dieser Mann war Mike Portnoy, seine Band nun unter dem Namen DREAM THEATER bekannt.
FAZIT: EINES DER ALBEN, WELCHE MAN ALS MUSIKALISCH AUFGESCHLOSSENER
KONSUMENT EINFACH GEHÖRT HABEN MUSS!!!
DIES FUNKTIONIERT AM BESTEN IN EINER GEWISSEN LAUTSTÄRKE,
SOWIE IN DER GESAMTHEIT DES ALBUMS!!
DOCH DANN KÖNNTE MAN DIESEM GANZ EIGENWILLIGEN,
EINZIGARTIGEM GLANZ ERLIEGEN! PFLICHT.
DARKEN TOM
Tretet nun ein in diese Wunderwelt von Fates Warning. DER WÄCHTER wartet auf EUCH.